Politik und Schlagertexte

portrait_werner_braun Werner Braun, die Wiener Nachrichten, Wien

“We don’t wanna put in”, so lautet der Titel des georgischen Beitrags zum diesjährigen Eurovisions Song Contest. Die Gruppe “Stephane and 3G” wollte ihn am 16. Mai in Moskau bei der Endausscheidung präsentieren.
A ber in Russland regen sich massive Proteste gegen diesen Titel. Man meint, die Zeilen als “We don’t wanna Putin” zu verstehen und argwöhnt, dass sie auch so gemeint seien. Rowdytum! So werden sie von einem Sprecher des russischen Ministerpräsidenten kommentiert. Auch die European Broadcasting Union (EBU) hebt mahnend den Finger gegen Tiflis und meint, politische Aussagen hätten bei einem Schlagerwettbewerb nichts verloren. Man solle doch den Text ändern oder einen anderen Titel einreichen.
Vor einigen Jahren war es noch so, dass alle Beiträge zum Song Contest in der (oder in einer) offiziellen Landessprache vorgetragen werden mussten. Gut hatten es da die Spanier und die Italiener, weil ihre Sprachen sehr melodisch klingen. Auch Französisch ist vortrefflich sangbar, wovon auch die Schweizer, Belgier und Luxemburger einen Vorteil zogen. Die Schweizer konnten zusätzlich noch Italienisch wählen. Und die Engländer wussten ohnehin, dass Lieder in ihrer Sprache weltweit verstanden oder zumindest akzeptiert wurden. Von der Möglichkeit, in Englisch zu singen, profitierten allerdings auch die Iren. Aber da gab es in Europa noch die Anderen: Niederländer, Schweden, Norweger, Finnen, Ungarn, Tschechen, Griechen und noch viele andere, deren Spache vielleicht ein wenig hart oder konsonantenreich ist und sich weniger gut für Liedtexte eignet. Sie setzten es schließlich durch, dass man beim Song Contest die Sprache des Liedtextes frei wählen könne. Wen wundert’s dass von nun an der Großteil aller Beiträge in Englisch war.
Für Georgien wird nun der Liedtitel in Englisch zum Bumerang. Der Song hätte in der georgischen Sprache wohl kaum zu Missverständnissen geführt. Oder war er tatsächlich als politische Anspielung gemeint?
Georgien will jedenfalls weder den Text ändern noch einen anderen Beitrag einreichen, sondern verzichtet auf die Teilnahme. Damit reiht es sich in Liste der nicht teilnehmenden Staaten ein, wo auch Österreich nun schon zum zweiten Mal zu finden ist. Das ermöglicht immerhin ein entspanntes und stressfreies Wählen eines Kontrastprogramms im Fernsehen.
Die Politik aus den Schlagertexten heraushalten! Das wird zwar von der EBU auch in den Teilnahmeregeln gefordert, aber so einfach lässt es sich nicht umsetzen. Schon letztes Jahr nahm die blinde Sängerin Diana Gurzkaja aus Sochumi in der Provinz Abchasien mit dem Lied “Peace will come” für Georgien am Song Contest teil. Dass auch dieser Titel eine politische Botschaft ist, sollte man in der EBU wissen, wenigstens seit 1982, als die junge deutsche Sängerin Nicole mit dem deutlichsten jemals erreichten Abstand zur Konkurrenz (61 Punkte) den Song Contest gewann. Das Lied hieß “Ein bisschen Frieden” und der Kalte Krieg dauerte schon mehr als dreißig Jahre.
Wie auch immer – politisch oder nicht – wir werden heuer jedenfalls, genauso wie Georgien, in Moskau keinen Beitrag leisten: We don’t wanna put in!

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