Rückblick mit weit geschlossenen Augen

kubrickforlook.jpg

Werner Braun, die Wiener Nachrichten

Als ich zehn Jahre alt war, fand ich in einem Magazin eine Fotografie, die Kirk Douglas im Gladiatoren-Outfit zeigte mit Dreizack, Netz und nacktem Oberkörper. Es war eine Szene aus dem Film “Spartacus”.

Ich war von der Dynamik des Bildes und dem Kostüm so begeistert, dass ich das Bild ausschnitt, in ein Sammelheft klebte und noch viele Jahre besaß. Den Film hätte ich auch brennend gerne gesehen, aber er war für meine damalige Alterstufe nicht zugelassen. Der Regisseur des Films interessierte mich damals nicht. Ich war bloß fasziniert von Kirk Douglas als Spartakus.
Vor zehn Jahren ist dieser Regisseur, der mich damals überhaupt nicht interessierte, der Welt verlorengegangen. Stanley Kubrick erlag einem Herzinfarkt. Der Tod ereilte ihn wenige Tage nach Fertigstellung seines letzten Films “Eyes Wide Shut” mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen. Die offizielle Premiere des Films hat Kubrick schon nicht mehr erlebt.
Er war Pefektionist – und das sehr oft zum Leidwesen der Schauspieler, die mit ihm arbeiten durften – oder mussten?! Es gab Szenen aus “The Shining”, die bis zu 60 mal gedreht wurden, bis sie vor Kubricks Augen Bestand hatten. Kein Wunder, dass Jack Nicholson, der seinen Part darin ebenso oft spielen musste, schließlich wenig Begeisterung für seinen Regisseur aufbrachte.
Und dass die Ehe zwischen Tom Cruise und Nicole Kidman bald nach der Fertigstellung von “Eyes Wide Shut” in Brüche ging, führen manche auch auf die gemeinsame Arbeit an diesem Streifen zurück. Waren es endlose Wiederholungen der erotischen Szenen, welche die beiden schließlich aneinander satt werden ließen?
Es wäre wohl politisch korrekt, in einem Nachruf die Reihe von Kubricks “Meisterwerken” Revue passieren zu lassen. Aber nicht nur sein Werk, auch die Qualität seiner Arbeit ist – trotz seines Perfektionismus – nicht unumstritten. Und trotz seines beachtlichen Erfolges bleibt sein Werk eines mit Ecken und Kanten, mit Widersprüchen und wahrscheinlich bis heute unverstandenen Aspekten. Von “2001: A Space Odyssey” etwa waren alle enttäuscht, die sich ein spannendes Weltraumabenteuer erhofft hatten. Die Handlung ist fast ausschließlich eine innere, die sich nur zum kleinen Teil über die ohnehin spärlichen Dialoge vermittelt. Der Inhalt öffnet sich dem, der die Sprache der Farben und Formen aufnehmen kann. Ein Verstehen des Films ist nur über die Gemütsebene möglich, aber auch da nicht einfach. Ihre Erwartungen in “The Shining” sahen alle Fans von Stephen King, dem Autor der Romanvorlage, unerfüllt – und auch King selbst hat den Streifen als die schlechteste Verfilmung eines seiner Bücher bezeichnet. Zu weit hatte sich Kubrick (in der Augen der Stephen-King-Fans) von der Vorlage entfernt. So hat Kubrick nicht nur seinen Schauspielern, sondern auch seinem Publikum Einiges abverlangt.
Hätte auch Arthur Schnitzler verständnislos den Kopf geschüttelt, hätte er je “Eyes Wide Shut” gesehen? Die Handlung des Films basiert ja auf seiner “Traumnovelle”. Aber der Schauplatz wurde von Wien nach New York verlegt und die Handlung selbst ist auch nur in einzelnen Anklängen wiederzuerkennen. So wird jeder unzufrieden sein, der sich eine Verfilmung der “Traumnovelle” erwartet hat. Jedoch wie so oft bei Schnitzler sind die Schauplätze zwar nur Dekoration, geben aber doch einen gewissen Stimmungsrahmen vor, in dem sich die eigentliche Handlung abspielt, hauptsächlich in der Psyche der Protagonisten. In der Novelle gelangen Fridolin und Albertine, ein wohlsituiertes Wiener Paar, innerhalb von kaum 24 Stunden über in einem halb traumhaften, halb realen Erleben aus einer scheinbar harmonischen Ehe in die Konfrontation mit ihren unbewussten Wünschen, die sich teilweise als Ablehnung des Partners oder gar als Hass gegen ihn äußern, bis die Eheleute schließlich auf einer höheren Ebene des Verstehens wieder zueinander finden. All das wird prägnant vor dem Hintergrund der morbiden Atmosphäre eines Wiens des Fin de siècle, wo auch das Wirken und Werk Sigmund Freuds die Gemüter beschäftigt. Dieser gesellschaftliche Hintergrund fehlt fast hundert Jahre später in New York, wo nach Kubricks Film Bill und Alice eine ähnliche Entwicklung durchleben. Das von Schnitzler beschworene Flair kommt da nicht auf; dafür ist alles zu smart, zu glatt, zu geradeaus. Daran scheitern die meisten Erwartungen und daran sind auch viele Kritiken aufgehängt.
Aber Schnitzler hat eine Novelle geschrieben und nicht das Drehbuch zu “Eyes Wide Shut”.
Der Umgang mit unbewussten, vielleicht verdrängten Wünschen in einer Beziehung ist kein Thema, das an einen Ort oder eine Zeit gebunden ist. Geht man erst einmal davon aus und sucht nicht in jeder Szene den Vergleich zu Schnitzlers Novelle, dann erst kann man in “Eyes Wide Shut” mehr sehen als ein paar Sexszenen; dann beginnt man vielleicht auch zu verstehen, dass sich die “weit geschlossenen Augen” in das eigene Innere richten müssen, welches der Film dann unter Umständen stärker aufwühlen kann, als manchem lieb ist. Psychoanalyse im Kino also? Im buchstäblichen Sinn wohl nicht, aber dass der Kinobesucher vor die Tabus geführt wird, die er sich selbst gesetzt hat, ist gewiss nicht unbeabsichtigt.
Dabei ist Stanley Kubrick durchaus zuzutrauen, dass er sich des Bruchs der Atmosphäre gegenüber seiner literarischen Vorlage voll bewusst war. Obwohl er selbst Amerikaner war, hatte er eine starke Affinität zu Österreich. Sein Vater war ein New Yorker Arzt von jüdisch-österreichischer Herkunft, seine Mutter war geborene Österreicherin und seine zweite Frau, Ruth Sobotka, ebenfalls. Neben “Eyes Wide Shut” gab es noch ein Filmprojekt, das auf dem Werk eines österreichischen Autors beruht: “Brennendes Geheimnis” nach der gleichnamigen Erzählung von Franz Werfel. Zu einer Realisierung kam es allerdings nicht mehr.
Unbequem war Stanley Kubrick sicher: für Hollywood, für seine Schauspieler, für sein Publikum und für sich selbst wahrscheinlich auch. Aber die Faszination ruht selten im Bequemen. Ich bin daher sicher, dass sich auch zehn Jahre nach seinem Tod an Stanley Kubricks Werk noch Vieles entdecken lässt, wenn man sich auf gewisse Umbequemlichkeiten gefasst macht, die auch unter Umständen darüber hinausgehen, Kirk Douglas als Spartakus aus einer Zeitschrift auszuschneiden.

Related Posts with Thumbnails

Related entries

Nicht weit von Bordell und AMS

Migranten in Medien

Die Sternwarte mitten in Wien

Tödliche Mischung

Manche Menschen sind weniger schützenswert

Zu wenig zum Leben

Comments are closed.