Die russisch-orthodoxe Kathedrale in Wien

Kathedrale zum Hl. Nikolaus in Wien Werner Braun für die Wiener Nachrichten

Wenn man jetzt in den ersten Frühlingstagen in Wien-Landstraße unterwegs ist, kann es passieren, dass man in der Jaurèsgasse plötzlich vor einem Gebäude steht, das einem glauben macht, man sei in Moskau. Tatsächlich steht die russisch-orthodoxe Kathedrale schon sehr lange, aber erst nach einer fünfjährigen gründlichen Renovierung entfaltet sie ihre volle Pracht und ist zu einem wahren Schmuckstück für die Umgebung und für Wien geworden. Früher hatte man sie zwar auch als etwas fremdartig wahrgenommen, aber ihre volle Schönheit hatte sie jahrzehntelang unter Bauschäden, unter einer Ruß- und Staubschicht verborgen gehalten.
Zwar war die Renovierung schon im Dezember abgeschlossen, aber jetzt spielt auch das Wetter so richtig mit und lässt die fünf goldenen Kuppeln in der Sonne funkeln.
In Österreich gibt es seit Jahrhunderten russische Gemeinden, meist bestanden sie aus Diplomaten einerseits und Handelsleuten andererseits. Eine solche Gemeinde bestand im 17. Jahrhundert auch in Tokaj (damals österreichisch-ungarische Monarchie, heute Ungarn). Russische Händler hatten sich dort angesiedelt, um Wein, den berühmten Tokajer zu kaufen und Russland damit zu versorgen. Diese Handelskolonie erbaute mit russischer Unterstützung die erste russisch-orthodoxe Kirche auf österreichischem Boden. Geistliche wurden aus Russland entsandt.
In Wien begann die russische Gemeinde deutlich zu wachsen, als sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und österreich festigten und im Zuge dieser Konsolidierung auch ein ständiger Botschafter des Zaren (Fürst Galitzin) in Wien residierte.

Die russisch-orthodoxen Gläubigen hatten damals in Wien noch kein eigenes Gotteshaus und wurden teils vom serbisch-orthodoxen, teils vom griechisch-orthodoxen Klerus in der Kirche zum heiligen Großmärtyrer Georg mitbetreut. Zu Beginn des Krieges des osmanischen Reiches gegen Russland und österreich 1735 wurde fast die gesamte griechische Gemeinde in Wien samt ihrem Klerus als Untertanen des Sultans ausgesiedelt und die Georgskirche hatte keine Existenzgrundlage mehr. Da sprang St. Petersburg ein und bewilligte dem serbische Mönch Simeon, der an der Wiener Georgskirche geblieben war, ein jährliches Gehalt von 100 Rubel für die weitere geistliche Betreuung der in Wien ansäßigen orthodoxen Gläubigen. Es folgte noch ein weiterer serbischer Mönch, ebenfalls von Russland bezahlt, bis etwa 30 Jahre später auch russische Geistliche nach Wien entsandt wurden.

Die russisch-orthodoxe Gemeinde blühte auf und entfaltete vielfältige Aktivitäten. Die Kirche war aber teilweise in den Räumlichkeiten der Botschaft, teilweise auch in angemieteten Gebäuden untergebracht. Beides erwies sich sehr bald als nicht ausreichend, umso mehr als auch die Wiener begannen, aus reiner Neugier oder um die schönen Chorgesänge zu hören, begannen, vermehrt die Gottesdienste oder andere kirchliche Veranstaltungen zu besuchen.

Es dauerte aber bis ins Jahr 1893, bis der Grundstein zu einer richtigen russisch-orthodoxen Kirche in Wien gelegt werden konnte. Die Spenden der russisch-orthodoxen Gemeinde erwiesen sich dafür allerdings als weitaus unzureichend und wurden dafür verwendet, um 1895 die kleine russisch-orthodoxe Kapelle zum Hl. Lazarus am Wiener Zentralfriedhof zu errichten.

Die russische Botschaft in Wien stellte einen Teil ihres Gartens als Baugrund zur Verfügung. Auf Ansuchen des russischen Botschafters überwies St. Petersburg die Baukosten in der Höhe von 400.000 Rubel. Die Innenausstattung wurde von privaten Spendern finanziert.

Nach Plänen des Petersburger Architekten Grigori Iwanowitsch Kotow wurde der Bau von Luigi Giacomelli ausgeführt. Es ist ein Werk des Späthistorismus mit klarer altrussisch-byzantinischer Ausprägung und auch heute noch die größte russisch-orthodoxe Kirche in Mitteleuropa.

Mehr als 5 Jahre vergingen mit den Bauarbeiten, bis die Kirche 1899 in einem feierlichen liturgischen Akt vom Erzbischof von Chelm und Warschau, Ieronim, dem Hl. Nikolaus geweiht werden konnte. An diesem Akt nahmen sehr viele der in Mitteleuropa wirkenden orthodoxen Geistlichen teil, aber auch die Seelsorger der bosnischen Regimenter österreichs, Vertreter der österreichischen Behörden und der Bürgermeister von Wien. Die Kirchenweihe hatte in Wien großes Aufsehen erregt. An die Einweihung schlossen sich noch andere gesellschaftliche Ereignisse an; so wurde Erzbischof Ieronim einige Tage später von Kaiser Franz Joseph empfangen und der Synodalchor, der die Einweihung begleitet hatte, gab im Wiener Konservatorium ein Konzert, das bei Wiener Musikliebhabern großen Anklang fand.

Etwa 15 Jahre bestand die Kirche, bis sie 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschlossen wurde und es für lange Zeit blieb.

Erst im Jahre 1945, als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sowjetische Truppen in Wien einrückten, wurde die die Kirche, die zu der Zeit durch Vernachlässigung und Kriegseinwirkungen in einem desolaten Zustand war, wieder eröffnet werden. In den Jahren 1970 bis 1979 kam es zu einer gründlichen Renovierung der gesamten Anlage. Seit 1962 ist Wien Eparchie, d. h. Bischofssitz, und die Kirche zum Hl. Nikolaus damit Kathedrale.

Denkwürdig für die russisch-orthodoxe Gemeinde ist der Besuch des Patriarchen von Moskau Alexij II im Jahr 1997 und zwei Jahre später die 100-Jahr-Feier zum Bestehens des Gotteshauses.

Im Jahr 2003 wurde eine Renovierung von Grund auf in Angriff genommen, die sowohl von kirchlichen und staatlichen Stellen in Russland als auch von österreichischen Einrichtungen finanziell unterstützt wurden. Fünf Jahre dauerten die Bauarbeiten, die unter der Leitung des Dombaumeisters zu St. Stephan, Wolfgang Zehetner, durchgeführt wurden. Während die Innenräume völlig neu gestaltet wurden, wurde außen das Erscheinungsbild von 1899 wieder exakt hergestellt.

Patriarch Alexij II sollte im Rahmen eines viertägigen Wienbesuchs den Neubau am 21. Dezember 2008 feierlich eröffnen, doch dazu kam es leider nicht. Der Patriarch verstarb 16 Tage vorher. So wurde die Kathedrale mit einem Trauergottesdienst für den Patriarchen wieder eröffnet.

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