Über artgerechte Haltung von Menschen

Alt-Erlaa: Die vertikale Stadt

Werner Braun für die Wiener Nachrichten

Ich kann mich noch gut erinnern, als der erste Block des Wohnparks Alt-Erlaa fertiggestellt war und die Wohnungen in allen Medien beschrieben wurden. So gerne hätte ich selbst auch eine kleine eigene Wohnung dort gehabt. Allerdings war ich zu der Zeit noch in Ausbildung und hatte keine Chance, auch nur das Geld für die Anzahlung aufzubringen.

Lange Zeit – auch schon lange vor der Fertigstellung – war das Projekt Stadtgespräch und eifrig wurde das Für und Wider diskutiert, natürlich von Leuten, die nicht selbst dort wohnten, sondern bloß Vorstellungen davon entwickelten wie das sei oder sich einfach Vorurteile angelesen hatten. Nach und nach gab es auch Leute, die tatsächlich dort wohnten. Hin und wieder lernte man einen Alt-Erlaa-Bewohner kennen, oder man kannte jemand, der einen solchen kannte, oder auch nur jemand, der seinerseits jemand kannte, der einen Alt-Erlaa-Bewohner kannte. Und langsam mischten sich damit auch Erfahrungs- und Praxisberichte in die bislang theoretische, aber deswegen nicht minder emphatische Diskussion. Für theoretische Erörterung war ja auch Zeit genug. Planungsbeginn war 1968, Baubeginn 1973. Bis der gesamte Bau abgeschlossen war, schrieben wir schon das Jahr 1985. Da aber redeten schon lange die mit, die das Wohnen in Alt-Erlaa aus eigener Erfahrung kannten. Und fast alle waren des Lobes voll über die Lebensqualität dort.

Von Bewohnern anderer, schon früher gebauten Wohnsiedlungen kannte man solches weniger. Hier wurde oft die fehlende Infrastruktur beklagt, die Vereinsamung, die Anonymität, die schlechte Verkehrsanbindung. Die Kinder verwahrlosten in solchen Siedlungen und die Jugendkriminalität stieg an. Wer die finanziellen Mittel dafür aufbringen konnte, zog schnell wieder aus und baute sich ein Haus am Stadtrand. Oft waren die Bauten nach 20 Jahren des Bestehens schon wieder reif für den Abriss.

Der schlechte Ruf solcher Wohnsiedlungen eilte auch dem Projekt “Wohnpark Alt-Erlaa” voraus. Doch das Projekt wurde ein voller Erfolg, der sicher nicht unmaßgeblich der weitsichtigen Planung des Architekten Harry Glück zu verdanken ist, einer Planung, die nicht vorrangig davon ausgeht, den Wohnraum auf der verfügbaren Grundfläche zu maximieren, sondern von zwei anderen Gesichtspunkten.

Zum einen geht es darum, der “Verhüttelung” des Grünraums rings um die Großstadt entgegenzuwirken. Das anhaltende Bestreben der Großstädter, sich nahe der Stadt ein eigenes kleines Haus zu bauen oder zumindest eine Wochenenddomizil schafft einen breiten Gürtel von Gartenhäuschen mit lediglich einer Illusion von Natur um die Stadt und rückt damit die wirkliche Natur in immer weitere Entfernung von der Stadt. Natürlich wird dadurch der Weg in die Natur hinaus immer weiter, was die Lebensqualität der Städter senkt, wobei die Luftverschlechterung noch gar nicht berücksichtigt ist. Außerdem ist in der verhüttelten Zone die Infrastruktur oft schlecht bis gar nicht vorhanden. Das ist der städtebauliche Gesichtspunkt.

Zum anderen geht es um die Bedürfnisse der Menschen. Wenn jemand unbedingt in ein Haus am Stadtrand mit eigenen Garten ziehen will, dann fehlt ihm doch in seiner Stadtwohnung, was er dort zu finden hofft. Wenn es also gelänge, den Menschen auch in ihren Stadtwohnungen genau das zu bieten, dann würden sie nicht den Wunsch entwickeln, sich am Stadtrand eine grüne Illusion zu schaffen – und der Verhüttelung würde auf diese Weise ohne Zwangsausübung Einhalt geboten.

Beides – wobei sich beide Gesichtspunkte natürlich auch bedingen – scheint Harry Glück mit dem Projekt Alt-Erlaa gelungen zu sein. Vieles, was hier umgesetzt worden ist, erinnert stark an Le Corbusiers Konzept der “vertikalen Stadt”. Die drei mächtigen, mehrgliedrigen Wohnbauten verjüngen sich nach oben hin in einer parabolischen Kurve, die schließlich in eine Senkrechte mündet, die schließlich bis zu einer Höhe von 70 bis fast 100 Meter ansteigt.

Im unteren Teil sind alle Wohnungen mit großen Terrassen ausgestattet, die schon den Charakter eines Kleingartens annehmen können. Im oberen, senkrechten Teil sind die Wohnungen mit Veranden ausgestattet, die zur Fassadenfront leicht schräg versetzt sind, so dass die einerseits Windschutz, andererseits auch Sichtschutz gegen die Nachbarn bieten, aber die Aussicht in dieser Höhe nicht beeinträchtigen, die an klaren Tagen bis weit in die Alpen hinein reicht. Diese Veranden sind so großzügig dimensioniert, dass sie durchaus zu weiterreichenden Aktivitäten geeignet sind, als bloß einen Gartensessel darauf aufzustellen. Diese großzügige Auslegung nicht nur der Veranden, sondern der gesamten Wohnfläche wird erleichtert durch die vertikale Ausrichtung, die eine Vielzahl von Wohneinheiten übereinander ermöglicht.

Im unteren Teil wird das Gebäudeinnere, erfüllt mit Club- und Hobbyräumen, Einrichtungen, die soziale Kontakte erleichtern sollen. Auch Spielräume für Kinder sind darunter, besonders zur Benutzung bei Schlechtwetter gedacht.

Bei schönem Wetter ist das nicht nötig: Das gesamte Gelände des Wohnparks ist autofrei und dicht begrünt. Das ermöglicht es, die Kinder ohne Bedenken im Freien spielen zu lassen.

Mit knapp 10 000 Bewohnern entspricht die Bevölkerungszahl des Wohnparks der einer Kleinstadt. Aber auch die Infrastruktur ist dementsprechend geplant und eingerichtet. Es gibt eine Vielzahl von Läden, die weit mehr anbieten als bloß die Güter des täglichen Bedarfs. Es gibt zwei Ärztezentren mit insgesamt 17 Praxen, es gibt Sporteinrichtungen, Jugendclubs, eine römisch-katholische Kirche und Schwimmbäder auf den Dächern der Wohnbauten.

Der Kern des Erfolges liegt für Harry Glück in der genauen Beobachtung der Wohnbedürfnisse der Menschen, beziehungsweise in der Erfüllung derselben, nicht unähnlich der Art, wie Zoologen tierisches Verhalten beobachten, um diese Erkenntnisse im Bau von artgerechten Gehegen in Tierparks zu verwerten.

Die Fachwelt hingegen ist Alt-Erlaa immer mit viel Skepsis gegenübergestanden. Doch alle Argumente gegen ein solches Monsterprojekt werden von der nunmehr seit dreißig Jahren gelebten Praxis entkräftet. Selbst der Behauptung, der Wohnpark sei unästhetisch, kann man durchaus entgegentreten, wenn man die Gebäude gesehen hat. Sie wirken wohl sehr mächtig, aber keinesfalls monstös – und es würden wohl kaum 10 000 Menschen auf Dauer zufrieden dort wohnen können, wenn der Bau nicht wenigstens bestimmten Grundanforderungen an Ästhetik genügen würde.

Natürlich mag es sein, dass man anders bauen muss, um Architekturpreise zu gewinnen. Aber schließlich kann man auch verschiedener Meinung darüber sein, was erfolgreiches Bauen ausmacht.

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