Wollen Sie wirklich Deutsch lernen?

von Galina Toktalieva
Sprache als Kommunikation- und Zwangsmittel
Wir hören diese Frage von unserer deutschen Lehrerin während der Sprachkurse für arbeitslose Migranten, wenn sie uns aus Mangel am Fleiß Grammatik zu lernen auszankt.
Diese latente und nicht ausgesprochene Frage, zirkuliert in der Atmosphäre der sozialen Institutionen und Arbeitseinrichtungen, die wir besuchen.
Sie kommt zu uns auch täglich als stillschweigende Beschuldigung versteckt hinter verschiedenen Masken aus Zeitungen und Zeitschriften entgegen.
Sie sickert in unser Gehirn ein, wenn wir Radio einschalten und Debatten zwischen Politikern aller Regenbogen-Farben hören.
Es wird an uns von der Armee von Bewerbungstrainern und Beratern geliefert.
Wenn wir im Internet surfen, stoßen wir auf Fotos von Herr Strache und seiner Fans, die Bier trinkend, mit Nazi-Saluten fremdenfeindliche Slogans demonstrieren.
Es scheint, dass die ganze Welt uns vorschlägt, um unseretwillen unser Deutsch zu verbessern.
Wenn Sie spontane Zuneigung von den Österreichern gewinnen wollen, ist die erste Sache die Sie tun müssen, Ihre Begierde erklären, Deutsch zu lernen, egal welchen Alters und welcher Staatsbürgerschaft und Berufs, Sie sind.
Selbst wenn Sie die Putzfrau im Ruhestandsalters sind, die öffentlichen Toiletten geputzt hat, wofür deutsche Grammatik nicht überlebensnotwendig ist, erklären Sie, dass Sie begeistert sind, wieder in die Schule zu gehen und den entscheidenden Unterschied zwischen Akkusativ und Dativ zu entdecken.
Diese Frage ist die konventionelle an Ausländer, die nach Österreich kommen aus weniger wirtschaftlich entwickelten Gebieten, um bessere Lebensbedingungen zu genießen und wenig Begeisterung demonstrieren sich in der deutschsprachige Gesellschaft integrieren, gerichtete Formel.
Man kann sich die Frage stellen, warum arbeitslose Menschen, besonders ältere Migranten, die durch das AMS verpflichtet wurden Deutsch zu lernen, so langsam fortzuschreiten?
Auswanderung ist eine traumatische, andauernde Lebenserfahrung. Für viele Migranten bedeutet sie Isolierung, Armut, Verlust von Lebengrundlagen und beruflichen Qualifikationen, sowie niedriges Selbstwertgefühl.
Ausländer verbinden alle Nöte der Auswanderung mit fremder Mentalität und fremder Sprache. Unbewusst beschuldigen sie Österreicherinnen für alle Schwierigkeiten, die sie im fremden Land haben.
Das Bewusstsein von Emigranten aus Osteuropa und Russland und ihrer Wahrnehmung der deutschen Sprache behält noch Einflüsse des Zweiten Weltkriegs.
Allein der Klang der deutschen Sprache erinnert Sie an Ungerechtigkeit, Übertretung von Menschenrechten, Ideen von Faschismus und Brutalität.
Sowjetische Propaganda produzierte Millionen von Büchern und Filmen über die Konzentrationslager und das Deutsche Reich.
Wir wissen aus der Weltgeschichte, dass Nationen und Rassen durch mächtige Reiche erobert, gezwungen waren die Sprache von Eroberern zu erlernen, weil die Sprachkenntnisse ihnen Überlebensvorteile brachten.
Auf diese Weise haben einige Sprachen, zum Beispiel Spanisch, Englisch und Russisch – ihren Einfluss in der Welt verbreitet.
Besiegte oder weniger wirtschaftlich entwickelte Nationen lernten die Sprache von Eroberern auch, weil es die einzige Verhandlungssprache zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen des Reiches war.
In Wirklichkeit sind die geistigen Anlagen von Menschen unbegrenzt und sie erhalten fast jede Kenntnisse ohne besondere Anstrengungen, wenn sie es für das Überleben brauchen und regelmäßig üben.
Sprache ist vor allem Kommunikationsmittel.
Viele Migranten brauchen kein korrektes Deutsch als Kommunikationsmittel in ihrem Alltagsleben. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Grenzen zwischen den Nationen langsam, aber stetig zerfließen. Man kann beinahe jede gewünschte Information aus der übrigen Welt über Internet, Radio, Mobiltelefon oder Kabelfernsehen in seiner eigenen Sprache bekommen.
Das wahre Beispiel völliger Integration ist die bilinguale Partnerschaft: Wenn Frauen aus Osteuropa Österreicher heiraten und im täglichen Sprachgebrauch Deutsch so lernen wie ihre Muttersprache. Andererseits leben viele Emigranten in der Isolation ihrer Familien oder ethnischen Gemeinschaft.
Die menschliche Erinnerung ist so konstruiert, dass alles vergessen wird, was nicht ständig gebraucht wird. Viele Emigranten haben überhaupt keine Gelegenheit korrektes Deutsch professionell einzusetzen. Obwohl es stimmt, dass der Grund für die Beschäftigungslosigkeit vieler Emigranten ihr Mangel an Deutschkenntnissen ist, kommen dennoch viel von ihnen unter in schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor, vornehmlich im Reinigungs- und Gastgewerbe.
Mit besseren Deutschkenntnissen infolge verpflichtender Kurse hätten Ukrainer, Serben und Tschetschenen ohne Beschäftigung vielleicht bessere Chancen auf einen annehmbaren Job, aber noch lange keine Garantie, einen solchen auch zu bekommen.
Ich würde den Leitungen der Sprachinstitute, die vertraglich mit dem AMS verbunden sind, raten, verbindliche Kurse speziell für Arbeitslose anzubieten. Wer seinen Profit schlägt aus dem Bildungsmangel der Migranten und dessen angestellte Lehrer deshalb Einkommen haben, weil ihre Schüler kein Einkommen haben, dem sei geraten, Deutschkurse nach professionellen Anforderungen und unter spezieller Berücksichtigung des Arbeitslosenstatus zu strukturieren. Lernziel und Wortschatz müssten professionell auf individuelle Ziele ausgerichtet werden.
Die liberale Welt begrüßte den Mut der Pazifisten, die sich weigerten, der nationalsozialistischen Partei anzuschließen und zwar aus moralischen Gründen, ebenso wie die Verweigerung der Teilnahme am Vietnamkrieg und auch an der militärischen Intervention der Sowjets in Afghanistan, selbst dann, wenn der Kriegsdienst verpflichtend war.
Es gibt auch Leute, die das Töten von Tieren nicht vereinbar finden mit ihren ethischen und moralischen Grundsätzen, ebenso wie den Wachdienst in Flüchtlingslagern und Gefängnissen, den militärischen und polizeilichen Dienst. Man muss schon eine ganz bestimmte Zusammenstellung an moralischen und persönlichen Qualitäten haben, um in einer Organisation mit behördlicher Vollstreckungsgewalt zu arbeiten, die zwar dem Recht gemäß agiert, Ordnung und Sicherheit steuert und stärkt, aber auch bestehende soziale Hierarchie unterstützt und die Interessen der Mächtigen, Reichen und Starken bewahrt gegen die unablässig aufbrausende Aggression der Ausgebeuteten, Unterdrückten und Armen.
Nie habe ich einen Österreicher getroffen, der ehrlich das AMS und die mit ihm verbundenen Ausbildungsinstitute gelobt hätte. Unter der Hand sprechen die Leute von gebrochenen Versprechen, geringem Nutzwert, von Leerlauf, Geldverschwendung und Bürokratie. Niemand aber spricht über die ethische Seite des AMS-Problems.
Welche moralische und ethische Haltung nehmen Menschen ein, die von einer mächtigen Organisation angestellt werden und täglich umgehen müssen mit Unterprivilegierten, Verlorenen, Ausgebeuteten, Verletzten und Zurückgewiesenen? Erlangen diese Personen möglicherweise Freude und Zufriedenheit nicht nur aus der Tatsache, Hilfe und Unterstützung zu geben, sondern auch aus dem Gefühl der Überlegenheit über die Unterdrückten, aus dem Gefühl der Stärke, die das Logo ihres Arbeitgebers ausstrahlt.
Was die Trainer, Lehrer und Angestellten der Sprachinstitute betrifft, die für das AMS in Unterrichtsleistungen für Beschäftigungslose tätig sind: Inwiefern tangiert die Tatsache ihr Selbstwertgefühl, dass ihre professionelle Qualifikation und ihre Arbeit keine freiwilligen und begeisterten Abnehmer findet, sondern als Waffe eingesetzt wird zur Stützung einer etablierten Hierarchie gegen die am wenigsten privilegierten Mitglieder der Gesellschaft?
Meine persönliche Erfahrung aus dem Umgang mit den Angestellten des AMS, mit Trainern, Lehrern und anderen Beschäftigten im Zusammenhang mit den verpflichtenden Kursen, zeigt, dass das Konzept der Verpflichtung sie nicht abstößt, sondern sie anzieht als die Möglichkeit, ihr beschädigtes Selbstwertgefühl wieder herzustellen.
Ihren Arbeitsplatz nutzen sie als Arena für die Manöver ihrer falschen Überlegenheit. Viele erfreuen sich am Gefühl der Macht, wie sie Richtspruch haben kann, der auf einen Kreis schweigender Verurteilter trifft. Die Süße einer Machtposition ist es, die der Lehrer täglich auf Millionen Arten auskosten kann, ohne eine Regel zu verletzen und keine frechen Antworten von seinen Opfern befürchten zu müssen.
Trainer und Lehrer sind es gewohnt, ihre Kraft aus der Umgebung von emotional verstümmelten Leuten zu ziehen, die ihre unmittelbaren Bedürfnisse, ihren Ärger und ihre Aggression unterdrücken müssen. Manche fühlen sich heimlich gehasst und genießen es.
Manche Leute arbeiten im AMS, weil ihr Leben leer und langweilig ohne das starke Gefühl von Hass und Verzweiflung wäre, welches sie in anderen hervorrufen und woraus sie täglich ihre Dosis an Euphorie beziehen.
Von allen anderen getrennt in den Würfeln unserer Wohnungen, gefangen durch den Rhythmus und die Vielfältigkeit des modernen Lebens, verbringen wir, der Statistik gemäß, sehr wenig Zeit auch mit unseren Lebensgefährten, Kindern und Eltern. Im Kurs müssen wir gezwungenermaßen sehr viel in der Interaktion mit dem Trainer verbringen.
Mit einem Fremden ist man dann schließlich vertrauter als mit jenen, die einem selbst nahe stehen, mit jemand, den man sich vielleicht selbst nie als Partner gewählt hätte. Sprachinstitute stellen Sprachprofis ein und vernachlässigen oft die Tatsache, dass ein Trainer zuallererst mental gesund sein muss, psychisch stabil und psychologisch geschickt, weil seine Funktion vor allem ein hohes Maß an sozialem und Kommunikationsgeschick verlangt.
Hier in Österreich muss man dem Problem sichtbarer und unsichtbarer Tätigkeit besondere Aufmerksamkeit widmen. Als erstes Sehen Ankömmlinge aus Osteuropa und den früheren Sowjetrepubliken, dass alles nett und ordentlich ist. Der öffentliche Verkehr funktioniert beinahe perfekt und die Sozialorganisationen gemäß ihren Richtlinien zu den Öffnungszeiten. Die dortigen Angestellten tun exakt das, wozu sie angehalten sind, keinen Handgriff weniger, aber auch keinen mehr.
Die Vorstellung, dass Bürokratie, Formalismus und Mangel an kreativem Denken oft die Schattenseiten der modernen Gesellschaft repräsentieren und durch Standardisierung bis zum Exzess das Individualitätsbewusstsein zusammendrücken bis auf die Größe einer Walnuss, kann das Thema einer anderen Diskussion sein und überschreitet die Grenzen dieses Beitrags.
Ich wollte nur die Tatsache betonen, dass eine gewöhnliche Person, die im Netz sichtbarer Regulierungen gefangen ist, die Fähigkeit verliert, ihr Leben gemäß ihren unsichtbaren ethischen Regeln weiterzuleben, wenn all das, was sie für gut und richtig erachtet in Konflikt kommt mit herrschendem Recht oder der öffentlichen Meinung. Mit anderen Worten: Diese Person verliert die Fähigkeit, unabhängig zu denken und für ihr Tun die moralische Verantwortung zu übernehmen.
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