Arzneimittel der Seele

Fotograf Pavel Kriwtzow

Tödliche Psychopharmaka

Von Peter Lehmann

Die Bewertung der Einnahme psychiatrischer Psychopharmaka ist ein ausgesprochen kontroverses Thema.

Die medikamentöse Therapie führt in die Abhängigkeit. Das ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Psychiatrie. Den Patienten fällt es schwer, die Mittel abzusetzen, weil dies Entzugssymptome auslöst.

Als krank definierte Gefühle und damit verbundene Handlungsweisen lassen sich leicht mit Antidepressiva und Neuroleptika (sogenannten antipsychotischen Medikamenten) unterdrücken.

Die Chemobehandlung bewirkt, dass nur noch die Betroffenen selbst von ihren Gefühlen gestört werden, sofern sie diese überhaupt noch spüren. Entäußern können sie diese Gefühle jedoch nicht mehr, sie sind quasi chemisch geknebelt. An sich ist es Sache jedes einzelnen Menschen, selbst zu entscheiden, ob sie oder er diese Substanzen einnehmen will, aus welchem Grund auch immer. Allerdings stehen einer freien Entscheidungsfindung folgende Argumente entgegen:

Die Betroffenen werden in aller Regel nicht über die tatsächlich vorhandenen, möglichen und nicht auszuschließenden Risiken aufgeklärt.

Beteiligt an Zulassungsverfahren riskanter Substanzen für den Pharmamarkt sind profitorientierte Firmen, finanziell von ihnen abhängige oder gesponserte Mediziner sowie staatliche Gesundheitsbürokratien, die bisher nicht den Beweis erbrachten, dass im Mittelpunkt ihres Interesses die Gesundheit von Psychiatriebetroffenen stand.

Die Beweislast bei Schmerzensgeld- und Schadenersatzklagen tragen ausschließlich die Betroffenen. Nicht die – finanziell abgesicherten – Herstellerfirmen müssen nachweisen, dass ein eingetretener Schaden nicht durch ihre risikobehafteten Substanzen verursacht wurde, sondern die – in der Regel mittellosen – Geschädigten müssen in aufwendigen Verfahren beweisen, dass ein Schaden einzig und ausschließlich auf das verabreichte Präparat zurückzuführen ist.

Aufgrund individueller Wirkungsunterschiede lässt sich nie mit Sicherheit voraussagen, wie eine bestimmte Dosis eines Präparats wirken wird. Alle bekannt gewordenen Schäden bei allen Arten von psychiatrischen Psychopharmaka traten prinzipiell dosisunabhängig und bereits nach relativ kurzer Zeit auf, teilweise nach einmaliger Einnahme einer niedrigen Dosis.

Alle psychiatrischen Psychopharmaka machen abhängig, wobei die Verordner die abhängig machende Wirkung der Substanzen abstreiten und die beim Absetzen möglichen Entzugserscheinungen und irreversible Psychopharmakaschäden verschweigen oder gar zum Symptomwechsel umdefinieren: z.B. chronische Angst nach längerer Antidepressiva- oder Tranquilizer-Einnahme, Hirnschäden nach kombinierter Lithium-Neuroleptika-Verabreichung, tardive Dyskinesien sowie tardiven Psychosen nach Neuroleptikaverabreichung.

Notwendige stationäre Einrichtungen zur klinischen Unterstützung bei Absetzproblemen von psychiatrischen Psychopharmaka gibt es fast gar nicht.

Ein Recht auf psychopharmakafreie Hilfe gibt es ebenso wenig wie nichtpsychiatrische Kriseneinrichtungen oder wie finanziell ausreichend unterstützte Selbsthilfe.

Keines der genannten psychiatrischen Psychopharmaka löst irgendwelche psychischen Probleme sozialer Natur. In aller Regel erschweren sie die Situation. Nach Absetzen der Substanzen, wenn es überhaupt dazu kommt, sind in aller Regel die Bedingungen schlechter herbeigeführten Probleme zu lösen.

Aus all diesen Gründen ist der Einsatz psychiatrischer Psychopharmaka sehr skeptisch zu beurteilen.

Bei hohen Dosen oder langer Einnahme verursachen alle Neuroleptika motorische Störungen, wie einen steifen Gang oder unwillkürliche Gesichtzuckungen. Manche dieser Nebenwirkungen bleiben unter Umständen auch dauerhaft bestehen und verschwinden selbst nach dem Absetzen der Medikamente nicht.

Abhängigkeit von Antidepressiva und Neuroleptika ist etwas anderes als zum Beispiel Alkoholismus. Es geht nicht darum, dass der Patient eine Sucht entwickelt und immer mehr von dem Mittel verlangt. Das Problem besteht in der Anpassung des Organismus, einschließlich des Hirnstoffwechsels, an die Wirkung der Medikamente. Der Arzneiverordnungs-Report zitiert zudem Studien, die die Wirksamkeit von Antidepressiva grundsätzlicher infrage stellen. Aus ihnen geht hervor, dass der Effekt, den ein Antidepressivum hat, sich nicht deutlich von dem Effekt eines Placebos unterscheidet.

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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