Das Putin-Foto

putin

Fotograf Platon Antoniou, 46, englisch-griechischer Herkunft, lebt in New York. Er fotografiert für verschiedene Magazine. Sein Porträt von Wladimir Putin gewann 2008 den ersten Preis des World-Press-Photo-Wettbewerbs.

Kein Foto hat das Bild von Wladimir Putin so geprägt wie jenes, das Platon Antoniou von ihm aufnahm. Hier erzählt der Fotograf, wie es zustande kam. – Platon, Sie haben Wladimir Putin ursprünglich für das Cover des Time Magazine fotografiert, jetzt ziert das Porträt Demonstrationsplakate auf der ganzen Welt, zuletzt in der Ukraine. Platon: Ich habe das Bild vor sieben Jahren gemacht. Manchmal hält ein Bild eben einen Moment der Wahrheit fest. Ich bin sehr froh, dass dieses Foto von den Leuten auf der Straße vereinnahmt worden ist.

– Was glauben Sie, warum das Bild so viele Leute anspricht?

Platon: Das Putin-Foto funktioniert bei Leuten mit den unterschiedlichsten politischen Überzeugungen. Als es veröffentlicht wurde, haben in Russland viele kritisiert, das Foto feiere Putin. Putin-Anhänger wiederum haben sich beklagt, ich ließe ihn wie eine Figur aus dem Kalten Krieg aussehen. Putin ist sehr mächtig, eine ikonische Figur unserer Zeit. Je nachdem, woran man glaubt, löst er große Gefühle aus bei den Menschen. – Wo haben Sie Putin damals getroffen? Platon: Ursprünglich sollte das Foto im Kreml gemacht werden. Das Time Magazine hatte Putin zum Mann des Jahres gewählt und ein Interview mit ihm vereinbart. Ich wusste aber nicht genau, wann das Fotoshooting stattfinden sollte, also saß ich ungefähr eine Woche lang in einem Moskauer Hotelzimmer und wartete. Dann wurde ich eines Morgens mit einem schwarzen BMW abgeholt. Wir fuhren am Kreml vorbei aus der Stadt hinaus in einen dunklen, unheimlichen Wald. Es war Dezember, überall lag Schnee. Ich wurde plötzlich sehr nervös, ich dachte an den Kalten Krieg und glaubte, der KGB wolle mich entführen. Dann, nach etwa einer Stunde Fahrt durch den Wald, erreichten wir Putins Datscha. Überall standen Scharfschützen, und ich musste – die Waffen der Sicherheitsleute auf mich gerichtet – jede Kameralinse öffnen. Ich wurde dann in sein Büro gebracht und hatte zehn Minuten Zeit für den Aufbau. Dann kam Putin rein, gefolgt von Beratern, zwei Übersetzern und vielleicht zehn Sicherheitsleuten. Ich sagte, es ist toll, hier in Russland zu sein, oder so was Ähnliches und stellte ihm eine Frage: Sind Sie auch so ein großer Beatles-Fan wie ich? Alle haben sich erstaunt angesehen, die Übersetzer flüsterten eifrig in sein Ohr, und dann hat er fast alle nach draußen geschickt. Übrig blieben er, die Sicherheitsleute und ich. Putin sagte dann in perfektem Englisch: Ich liebe die Beatles. Dann machten wir die Aufnahmen, und ein paar Augenblicke lang tat er genau das, was ich von ihm wollte.

– Was hat Sie das Treffen mit Putin gelehrt?

Platon: Wir machen uns zu viele Gedanken um die Macht an sich anstatt darum, was man Gutes mit der Macht tun kann. Putin ist eine der provokantesten Figuren auf der Weltbühne. -Was genau unterscheidet das Bild von anderen Aufnahmen Putins? Platon:Im Prinzip ist es ganz einfach: Es zeigt den Menschen Putin. Putin ist es egal, ob er gemocht wird, er agiert nicht, wie es zum Beispiel Barack Obama oder andere Politiker tun. Soweit ich weiß, hatte er sich nie außerhalb des Kremls porträtieren lassen. Ich habe versucht, auf zwischenmenschlicher Ebene eine Verbindung zu ihm zu finden. Ich habe ihm signalisiert, dass ich keine Angst vor ihm habe – was nicht so einfach war, denn er ist eine Furcht einflößende Person. Das liegt nicht nur an ihm, sondern an der Maschinerie um ihn herum, die einen einschüchtert. Ich war nur ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, ich konnte seinen Atem auf meiner Hand spüren. Diese Intimität sieht man sonst nicht auf Bildern von Putin. Er hat ein Funkeln in den Augen, man spürt die kalte Autorität darin, diese Kaltblütigkeit. Man sieht das Bild und denkt sich: Das ist Putin! Ich fand ihn erstaunlich ruhig, er hat auf jeden Fall Charisma, aber eher ein inneres Charisma.

– Sie haben ein Buch mit Porträts von über hundert Staatslenkern gemacht. Unterscheidet Putin sich von anderen Mächtigen?

Platon: Dieses Maß an kalter Autorität habe ich bei niemandem sonst gespürt. Ich glaube, das ist es auch, was man in dem Bild sieht.
Quelle: Die Zeit online

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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