Schlitzauge

Alltagsrassismus

Und was isst du heute – Hund oder Katze?

Sie spricht Deutsch, hat hier studiert und arbeitet hier. Im Berufsalltag zählt dennoch oft nur eins: ihre vermeintliche Herkunft.

Von Xia Yuan
Kurz nach meinem Studium trat ich einen Job bei einer Werbeagentur an. Sie war mehrfach ausgezeichnet, international ausgerichtet – und morgens begrüßte man mich, die Neue, so: “Und, was isst du heute? Hund oder Katze?”

Ich war die einzige Mitarbeiterin mit erkennbarem Migrationshintergrund. Meine Eltern waren nach der Kulturrevolution aus Shanghai ausgewandert. Ich bin da geboren und habe Ostasienwissenschaften studiert. Manchmal fragten mich meine Kollegen, ob ich ein anderes Sichtfeld hätte als die anderen – als die mit den “normalen” Augen.

Ich glaube gar nicht mal, dass meine Kollegen das böse meinten. Oft versuchten sie, lustig zu sein und waren dabei schlicht taktlos. Oder unsensibel. Meist waren sie einfach nur ignorant. Zum Beispiel als mein Chef mich fragte: “Sag mal, werdet ihr Asiaten eigentlich in der Sonne braun?” Oder als ein Kollege den Kabelsalat an seinem PC nicht entwirrt bekam: “Du hast doch so kleine Asiatenhände, kannst du mir kurz helfen?” Oder als ein anderer Kollege zu mir sagte: “Meine Freundin und ich wollen heute Abend Thailändisch kochen. Kennst du gute Rezepte?”

Ich versuchte, mich zu wehren. Sagte, dass Asien ein großer Kontinent sei. Aber meine Bemerkungen nahm niemand ernst. Ich solle mich nicht so anstellen, es sei doch alles nur Spaß. Die Witze hörten nicht auf. Die Sprüche auch nicht. Es blieb unerträglich.

Warum leise Menschen in Asien mehr gelten

Introvertierte, Schüchterne und Hochsensible haben es in Asien gut. Denn anders als im Westen gilt Zurückhaltung als besonders erfolgversprechend.

von Dr. Doris Märtin

Gut für alle Introvertierten: Der Respekt vor dem Stillen

Das hohe Ansehen der Leisen ist in der asiatischen Kultur verwurzelt. Traditionell genießt aber eine Philosophie des Stillen und Stetigen einen hohen Stellenwert. Freier Raum und Ruhe werden als rar und kostbar empfunden.

Besonders augenfällig spiegelt sich dies in der asiatischen Gartenkultur wider. In der Mode sind die strengen Schnitte – ein Beispiel für Reduktion und Minimalismus. In der inneren Haltung gelten Konzentration, Hingabe, Entschlossenheit und Achtsamkeit als Ideal.

Welche Art des Auftretens bringt am meisten Freunde ein? Es hängt davon ab, wo man lebt. In Mitteleuropa kommen Extros, in Asien Intros messbar besser an. Der Unterschied beginnt bereits in der Grundschule. In Europa werden stille Kinder von den anderen schnell links liegen gelassen.

In China sind die leiseren Kinder dagegen bevorzugte Spielkameraden und auch als „Anführer“ mehr gefragt als lautere Kinder. Das liegt daran, dass chinesische Eltern sachte, empfindsame Kinder bestärken. Sie gelten als achtsam. Lautes, lebhaftes Verhalten wird dagegen kritisiert: ohne Rücksicht für andere.

In die Tiefe gehen

Die konfuzianische Lehre hält Ausdauer und Beharrlichkeit für wichtige Erfolgsfaktoren. Der entscheidende Erfolgsverstärker: Arbeitseifer. Bei Introvertierten in Ost und West ist der Hang zum Tiefer-Schürfen bereits in der DNA angelegt: Zu den leisen Stärken gehört es, sich ins Thema zu knien und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. In den asiatischen Ländern findet so viel Disziplin Anerkennung, bei uns wird sie fälschlicherweise als Strebertum und mangelnde Kreativität abgetan.

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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