{"id":12701,"date":"2021-07-05T10:00:04","date_gmt":"2021-07-05T08:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/?p=12701"},"modified":"2021-07-05T10:00:04","modified_gmt":"2021-07-05T08:00:04","slug":"wien-anderes-die-stadt-in-denkelgrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wien-anderes-die-stadt-in-denkelgrau\/","title":{"rendered":"Die Stadt in denkelgrau"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/wien-anders2017.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/wien-anders2017.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"434\" class=\"aligncenter size-full wp-image-12702\" srcset=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/wien-anders2017.jpg 720w, https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/wien-anders2017-219x132.jpg 219w, https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/wien-anders2017-406x245.jpg 406w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>L\u00e4sst es sich in der Bundeshauptstadt noch gut leben? Oder wollen jetzt alle wegziehen? <\/strong><br \/>\nManchmal, wenn man durch die Wiener Stra\u00dfen geht, ist man sich nicht sicher. Man schaut nach rechts, nach links. Es wirkt alles ruhig &#8211; aber t\u00e4uscht der Eindruck? Wien ist in Verruf geraten. Es soll Menschen geben, die die Stadt verlassen wollen, weil sie sich &#8220;in der eigenen Gasse fremd f\u00fchlen&#8221;, wie es Sebastian Kurz im Wahlkampf formuliert hat. Viele Frauen geben an, sich zu f\u00fcrchten, wenn sie nachts unterwegs sind. Mit der U6 fahre man am besten gar nicht mehr, hei\u00dft es. Wie schlecht lebt es sich im Jahr 2017 in Wien? Und war fr\u00fcher alles besser?<\/p>\n<p><strong>Es ist enger in der Stra\u00dfenbahn<\/strong><\/p>\n<p>Alles vielleicht nicht, aber einiges, findet Sonja Kaiser. Die Projektmanagerin und Mutter eines vierj\u00e4hrigen Sohnes m\u00f6chte unbedingt raus aus der Stadt. Derzeit lebt sie mit ihrer Familie in Floridsdorf. Ein einst gr\u00fcner, fast l\u00e4ndlicher Bezirk, in dem seit einigen Jahren &#8220;alles so h\u00e4sslich zugebaut wird&#8221;, findet Kaiser: &#8220;Durch dieses Bauen ist es auch wahnsinnig laut geworden. Nat\u00fcrlich auch durch den starken Verkehr. Die Leute sind roher und r\u00fccksichtsloser geworden, finde ich.&#8221; Vorbei seien auch die Zeiten, in denen man um 500 bis 600 Euro pro Monat eine nette Familienwohnung mit Garten bekommen habe.<br \/>\nWien hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert, best\u00e4tigt Stadtforscher Peter Payer: &#8220;Wien war durch die Abgelegenheit und Randlage lange Zeit konserviert.&#8221; Durch den Fall des Eisernen Vorhangs \u00e4nderte sich das. Wien wanderte pl\u00f6tzlich in die Mitte Europas. Mit sp\u00fcrbaren, aber oft nicht benennbaren Folgen. &#8220;Real ist weniger Platz zur Verf\u00fcgung als fr\u00fcher&#8221;, sagt Payer. &#8220;Es ist enger in der Stra\u00dfenbahn, es sind mehr Leute in der U-Bahn, es sind mehr Leute auf der Stra\u00dfe.&#8221;<br \/>\nImmerhin leben derzeit 1,87 Millionen Menschen in Wien. Ab 2026 wird die Bundeshauptstadt &#8211; wie gegen Ende der Monarchie &#8211; wieder eine Zwei-Millionen-Metropole sein.<\/p>\n<p>Vielen f\u00fchlen sich \u00fcberfordert von diesem starken Wachstum. Und es bietet politischen Parteien die M\u00f6glichkeit, sich mit dem Bedienen von \u00c4ngsten zu profilieren. Im Nationalratswahlkampf hat das Thema Zuwanderung eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Nicht nur die FP\u00d6, auch die \u00d6VP versuchte, mit Kritik an den &#8220;Wiener Zust\u00e4nden&#8221; zu punkten. Geschickt verkn\u00fcpfte Parteichef Kurz dabei berechtigte Kritik mit diffusen \u00c4ngsten und Vorurteilen.<\/p>\n<p><strong>Romantische Idee vom roten Wien<\/strong><\/p>\n<p>Wiens SP\u00d6-B\u00fcrgermeister Michael H\u00e4upl verstand es in den vergangenen Jahren jedenfalls geschickt, die Bedenken gegen einen blauen B\u00fcrgermeister politisch zu nutzen. 2015 brachte ihm das ein \u00fcberraschend starkes Wahlergebnis. Die Querelen rund um seine Nachfolge zeigen aber, dass sich die romantische Idee vom roten Wien abgen\u00fctzt hat. Stadtforscher Payer spricht von einer &#8220;Stadterz\u00e4hlung&#8221;, die in der Zwischenkriegszeit begr\u00fcndet und nach 1945 fortgef\u00fchrt wurde, nun aber vor einem Wendepunkt steht: &#8220;Die alten Strukturen m\u00fcssen aufgebrochen werden. Sie passen nicht mehr wegen der Dynamik, die wir heute sp\u00fcren, der Zuwanderung und ihren sozialen Komponenten. Das reicht von den politischen Machtverh\u00e4ltnissen bis zu Verwaltungsstrukturen.&#8221;<br \/>\nArbeitslose mit Migrationshintergrund<\/p>\n<p>So hat Wien mit 12,2 Prozent die h\u00f6chste Arbeitslosigkeit aller St\u00e4dte und Bundesl\u00e4nder, wie die Chefin des Wiener Arbeitsmarktservice, Petra Draxl, best\u00e4tigt. Gleichzeitig ist auch der Besch\u00e4ftigungsstand ein besonders hoher, da neben Burgenl\u00e4ndern, Nieder\u00f6sterreichern und Oststeirern auch Pendler aus dem nahen Ausland nach Wien zur Arbeit fahren. Unter den Wiener Arbeitslosen sind mit 50 Prozent besonders viele Geringqualifizierte zu finden. Die H\u00e4lfte der Jobsuchenden hat zudem Migrationshintergrund.<\/p>\n<p><strong>Wie schaut Wiener Budget aus<\/strong><\/p>\n<p>Diese demografische Entwicklung passe jedoch nicht mit der Wiener Wirtschaft zusammen, sagt Wifo-Regionalexperte Peter Huber. Diese habe sich n\u00e4mlich zum Dienstleistungssektor (85 Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen sind dort t\u00e4tig) entwickelt und biete vor allem Jobs f\u00fcr Hochqualifizierte. &#8220;Die sehr stabilen Industriearbeitspl\u00e4tze, mit denen man auch als Angelernter Karriere machen kann, gibt es nur noch am Land&#8221;, so Huber.<br \/>\n&#8220;Wien ist generell anders als andere Bundesl\u00e4nder, was seine Struktur und Entwicklung betrifft&#8221;, sagt Huber, &#8211; Dies zeige sich auch bei der H\u00f6he der Schulden. Es gibt wenig Informationen zu den Schulden, wir wissen gar nicht genau, wie das Wiener Budget im Detail aussieht.<\/p>\n<p><strong>Unsicherheit und Sexualdelikte<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, sagt Kriminalsoziologe Norbert Leonhardmair vom Vienna Center for Social Security, habe es F\u00e4lle von sexualisierter Gewalt durch Asylwerber gegeben, &#8220;das soll man nicht sch\u00f6nreden. Aber es herrscht eine verzerrte Wahrnehmung. Der \u00fcberwiegende Teil der Sexualdelikte passiert innerhalb der Familie und in gewissen Institutionsformen.&#8221;<\/p>\n<p>Eigentlich gehe es aber um etwas ganz anderes: &#8220;Viele Unsicherheiten werden mit Kriminalit\u00e4t in Zusammenhang gebracht. Die Menschen machen sich Sorgen, ob sie ihren Job im kommenden Jahr noch haben und ob sie die Miete weiterhin zahlen k\u00f6nnen.&#8221; Dies seien aber &#8220;sehr komplizierte Probleme, mit denen man schwer umgehen kann&#8221;. Also werden sie &#8220;geb\u00fcndelt und auf Diebesbanden, Asylwerber oder Kriminalit\u00e4t im Allgemeinen projiziert&#8221;. Die Politik spiele dieses Spiel mit. &#8220;Oft k\u00f6nnen sie nicht aus. Sie m\u00fcssen so tun, als w\u00e4ren ein paar Hundert Polizisten mehr auf der Stra\u00dfe die L\u00f6sung des Problems.&#8221; Denn die eigentlichen Probleme -Jobverlust aufgrund von Globalisierung zum Beispiel &#8211; sind nicht so leicht zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Der Arbeiterbezirk<\/strong><\/p>\n<p>Das zeigt auch ein Lokalaugenschein in Wien-Meidling, dem Heimatbezirk von \u00d6VP-Obmann Kurz. Es ist ein traditioneller Arbeiterbezirk mit 44,6 Prozent Ausl\u00e4nderanteil. F\u00fchlt man sich hier &#8220;in der eigenen Gasse fremd&#8221;?<br \/>\nEine Pensionistin findet, dass sich Wien &#8220;sehr ge\u00e4ndert&#8221; hat: &#8220;Jeden Tag liest man in der Zeitung f\u00fcnf, sechs Seiten \u00fcber Mord, Raub und Vergewaltigungen. Ich w\u00fcrde sofort wegziehen, aber ich kann es mir nicht leisten.&#8221; Ein Herr will weg aus Meidling, weil es ihm zu laut und zu teuer geworden ist. Schon seit 20 Jahren w\u00e4hlt er die FP\u00d6. Die SP\u00d6 habe die Arbeiter wie ihn verraten, meint er. Und wie gef\u00e4llt es ihm heute in Wien? &#8220;Schee is nimma.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Die Stadt mit der h\u00f6chsten Lebensqualit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Kritik an Wien laut wird, verweisen die Wiener Stadtpolitiker gerne auf die Mercer-Studie. Wien sei, wird darin Jahr f\u00fcr Jahr erhoben und publiziert, die Stadt mit der h\u00f6chsten Lebensqualit\u00e4t weltweit. Allerdings ist die Umfrage umstritten. Sie bewertet Kriterien, die aus der Sicht von Mitarbeitern, die von internationalen Unternehmen ins Ausland entsandt werden, relevant sind. Zum Beispiel Sicherheit, \u00f6ffentlicher Verkehr, Gesundheitssystem und Wasserversorgung.<\/p>\n<p>In der &#8220;Quality of Life in European Cities&#8221;-Studie der EU-Kommission, f\u00fcr die Einheimische befragt wurden, kommt Wien u. a. hinter Z\u00fcrich, Oslo und Vilnius auf Platz acht. Dabei zeigt sich, dass die meisten Wiener mit dem \u00f6ffentlichen Verkehr und dem Kulturangebot sehr zufrieden sind, aber auch, dass nur 45 Prozent der Wiener glauben, dass es leicht ist, hier einen Job zu finden. Auch was die tats\u00e4chliche Verf\u00fcgbarkeit von leistbarem Wohnraum betrifft, landet Wien im Mittelfeld.<br \/>\nLetztlich, auch das zeigt sich in der Diskussion um die Studien gut, geht es darum, wo genau man in Wien wohnt. Als gut bezahlter Mitarbeiter eines internationalen Konzerns in der Innenstadt? Oder als normaler Mensch am weniger schicken Stadtrand?<\/p>\n<p>Sie habe vor Kurzem beruflich im achten Bezirk zu tun gehabt, erz\u00e4hlt die Floridsdorferin Sonja Kaiser. &#8220;Da habe ich mir gedacht, es kann auch sch\u00f6n sein in Wien.&#8221; Doch die Vielzahl an Boutiquen, Biol\u00e4den und gepflegten Gr\u00fcnderzeith\u00e4usern dort habe mit dem Leben in den Au\u00dfenbezirken, die die Hauptlast der Bev\u00f6lkerungszunahme tragen, nicht viel zu tun.<\/p>\n<p>Quelle: News.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4sst es sich in der Bundeshauptstadt noch gut leben? Oder wollen jetzt alle wegziehen? Manchmal, wenn man durch die Wiener Stra\u00dfen geht, ist man sich nicht sicher. Man schaut nach rechts, nach links. Es wirkt alles ruhig &#8211; aber t\u00e4uscht der Eindruck? Wien ist in Verruf geraten. Es soll Menschen geben, die die Stadt verlassen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12702,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[659],"tags":[641],"class_list":["post-12701","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch","tag-arbeitslosigkeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12701","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12701"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12701\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12702"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}