{"id":12732,"date":"2021-07-08T05:00:04","date_gmt":"2021-07-08T03:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/?p=12732"},"modified":"2021-07-08T05:00:04","modified_gmt":"2021-07-08T03:00:04","slug":"der-osterreichische-minderwertigkeitskomplex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/der-osterreichische-minderwertigkeitskomplex\/","title":{"rendered":"Der \u00f6sterreichische Minderwertigkeitskomplex"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/leder-hose.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-12730\" src=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/leder-hose.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"375\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>von Peter Strasser<\/em><\/p>\n<p>Um \u00d6sterreichs universale Anmutung kommt niemand herum, und trotzdem leidet das Land darunter, weltweit gesehen Provinz zu sein. Politisch herrschen Biedersinn und Hysterie, doch fix ist nix, ausser dem Tod.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich ist ein \u00fcberdurchschnittlich sch\u00f6nes, sympathisches, geistreiches und zugleich durch und durch durchschnittliches Land, ein treubiederes Mitglied der Europ\u00e4ischen Union und eine regelrecht fad zu nennende Demokratie, also eine, die samt Korruption und Parteienproporz bestens funktioniert: gesegnet mit relativem Wohlstandsunbehagen und, bei rundum reichlich siechen \u00d6konomien, mit relativer Armutsfallenverweildauer.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich ist ein Land mit hoher, ja h\u00f6chster Kultur, das seine Raubkunst siebzig Jahre nach Kriegsende zum gr\u00f6ssten Teil schon wieder an die j\u00fcdischen Erben und Erben der Erben r\u00fcckerstattete. Unsere Wiener Museen sind exzellent besucht, die Expositionen exzellent konzipiert, die exzellente Staatsoper \u2013 an der man, wenn auch fast nie, die bereits jetzt unsterbliche Primadonna, Kammers\u00e4ngerin (urspr\u00fcngliche Ukrainerin) Anna Netrebko, antrifft \u2013 ist zu neunundneunzig Prozent ausgelastet.<\/p>\n<p>Dennoch leidet \u00d6sterreich irgendwie unter dem Gef\u00fchl, weltweit gesehen eher Provinz zu sein.<\/p>\n<p>Wir haben eine Literaturnobelpreistr\u00e4gerin, Elfriede Jelinek, die Hunderte Seiten lang absatzlose dramatische Texte schreibt, in denen die \u00d6sterreicher meistens Nazis oder noch Schlimmeres sind, und dazu die literarische Begleitmusik des Weltliteraten Thomas Bernhard, der uns attestieren musste, nicht nur ein Volk der Nazis, sondern ausserdem geistesgest\u00f6rt zu sein.<\/p>\n<p>So sind wir, nix is fix, ausser dem Tod, \u00fcber den in \u00d6sterreich seit den Zeiten des lieben Augustin, der in die Pestgrube gefallen und unbesch\u00e4digt wieder herausgekrabbelt sein soll, viel geschrieben und nachgedacht wurde, so auch von unserem seligen Weltpopstar Falco, vulgo Johann \u00abHans\u00bb H\u00f6lzel, der allen die Frage stellte, die uns das metaphysische Nackenhaar steif werden liess: \u00abMuss ich denn sterben, um zu leben?\u00bb<\/p>\n<p>Die Antwort darauf kann im Land des Sigmund Freud nur lauten: Ja, ja, ja \u2013 dreimal ja! Und dann auch wieder: Nein, nein und abermals nein! Seinerzeit, 2011, hat unsere ober\u00f6sterreichisch geb\u00fcrtige Finanzministerin anl\u00e4sslich einer EU-Befragung des Inhalts, was sie mit dem sphinxischen Satz meine: \u00abDie Zeit, die wir uns gegeben haben, ist shortly\u00bb, prompt geantwortet: \u00ab. . . shortly, without von delay\u00bb. Erst leben, dann sterben, so machen wir\u2019s in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Zugegeben, weder in Ober- noch in Nieder\u00f6sterreich wird ans\u00e4ssiges Englisch gesprochen, wohl aber wird in K\u00e4rnten, einem notorisch verschuldeten Bundesland, seit J\u00f6rg Haider und seine gloriose \u00abBuberlpartie\u00bb dort hausten, in einigen Winkeln noch immer Slowenisch geredet. Das juckt die K\u00e4rntner Abwehrk\u00e4mpferseele bis heute, weswegen auch die K\u00e4rntner Volkspartei nicht wirklich wollte, dass die slowenische Volksgruppe in der reformierten Landesverfassung namentlich erw\u00e4hnt wird. Aber keine Sorge, jetzt steht sie doch drinnen, und das ist gut so. Verbissen gek\u00e4mpft wird bei uns nur im Sport, zum Gl\u00fcck und Ruhm des Landes, denn nur so gelingt es uns, immer fast beinahe gewonnen zu haben. Gott ist mit uns!<\/p>\n<p>Das bringt mich gleich zu den Anfechtungen durch die moderne Wissenschaft und den Koran, die uns nichts anhaben k\u00f6nnen, denn als eingeschworene Taufscheinkatholiken lieben wir unsere Kirchenglocken.<br \/>\nDas bringt mich jetzt direkt statt zum Wiener Life-Ball zu den Burgenl\u00e4nderwitzen, die in \u00d6sterreichs flachster \u00f6stlicher Gegend rund um den flachen Neusiedlersee gedeihen, und zwar zu einem, der demonstriert, dass man sich bei uns nicht nur von den Gebetsm\u00fchlen des Genderns, sondern dar\u00fcber hinaus von der Hauptst\u00e4dterarroganz im Norden mit Humor zu distanzieren weiss: \u00abWieso sind die Burgenl\u00e4nderwitze immer so kurz? Damit sie die Wiener auch verstehen.\u00bb Na also.<\/p>\n<p>Mag sein, dar\u00fcber k\u00f6nnen vielleicht nur diejenigen lachen, die&#8217;s was angeht, doch akkurat darin verbirgt sich das grundexistenzielle Problem unserer immerw\u00e4hrenden Neutralit\u00e4t, da kann die Welt untergehen, wir werden fein dastehen und mustersch\u00fclerhaft sagen: \u00ab&#8217;tschuldigung, das geht uns im Grunde wirklich nichts an!\u00bb Wir \u00d6sterreicher sind im Grunde unseres friedfertigen Herzens gegen\u00fcber allen anderen \u00d6sterreichern neutral, sollen sie doch flach sein, wie sie wollen, oder \u2013 soweit es die Gebirgsmenschen im Westen betrifft, \u00abderen Sprache du nicht verstehst\u00bb (Marianne Fritz) \u2013 daherkn\u00f6deln, was sie wollen. Aber, fragen manche Fundamentalisten der Scholle, reicht das schon hin, um eine Heimat im Vollsinn des Wortes behaupten zu d\u00fcrfen? Hm, hm und nochmals hm?<\/p>\n<p>Als Philosoph indessen behaupte ich, dass jede Heimat immer nur Heimat des Menschen sein kann, ob sie sich im burgenl\u00e4ndischen Erdloch, wo der Wein vor sich hin s\u00e4uert, selbstredend auf dem Niveau der Weinbeisserweltspitzenklasse, oder im lawinentreibenden Schneekanonendonner unserer weltber\u00fchmten Skiregionen verk\u00f6rpert. Heimat ist entweder Weltheimat oder gar keine. Als Kronzeugen zitiere ich (man ist als \u00f6sterreichischer Patriot ja auch Weltb\u00fcrger) trotz \u2013 oder gerade wegen! \u2013 britischer Brexit-Schmach kurzerhand den Dubliner James Joyce, der in der Elementarklasse auf das Vorsatzblatt seines Geografiebuches schrieb: \u00abIrland, Europa, die Welt, das All\u00bb.<\/p>\n<p>Und nein, ich schweife nicht vom Thema ab. Vielmehr doziere ich gerade \u00fcber jenes \u00d6sterreich, das entweder nichts weiter ist als eine Summe \u00fcberdurchschnittlich durchschnittlicher Fakten, mit denen wir bis zur Bedeutungslosigkeit vertraut sind und die uns gerade deshalb fremd bleiben wie die Steine auf dem Mars \u2013 oder sie verk\u00f6rpern jene Tiefe, Doderers Tiefe der Zeiten, Musils Tiefe der R\u00e4ume und B\u00fcrokratien, worin das N\u00e4chste und Fernste zu einer Seelenlandschaft verschmelzen: \u00d6sterreich, Europa, die Welt, das All!<\/p>\n<p><em>Peter Strasser ist emeritierter Universit\u00e4tsprofessor, er unterrichtet Philosophie an der Universit\u00e4t Graz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Strasser Um \u00d6sterreichs universale Anmutung kommt niemand herum, und trotzdem leidet das Land darunter, weltweit gesehen Provinz zu sein. 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