{"id":12938,"date":"2021-07-26T20:00:05","date_gmt":"2021-07-26T18:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/?p=12938"},"modified":"2023-08-15T19:45:26","modified_gmt":"2023-08-15T17:45:26","slug":"warmetod-des-gefuhls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/warmetod-des-gefuhls\/","title":{"rendered":"W\u00e4rmetod des Gef\u00fchls"},"content":{"rendered":"<p>Konrad Lorenz (1903-1989 ) war ein \u00f6sterreichischer Zoologe, und Medizin-Nobelpreistr\u00e4ger. Er untersucht Vorg\u00e4nge der Dehumanisierung, die nicht nur unsere heutige Zivilisation und Kultur, sondern die Menschheit als Ganzes mit dem Untergang bedrohen.<\/p>\n<p>&#8220;W\u00e4rmetod des Gef\u00fchls&#8221; aus dem Werk &#8220;Die acht Tods\u00fcnden der zivilisierten Menschheit&#8221;<\/p>\n<p><strong>\u00dcberv\u00f6lkerung<\/strong><\/p>\n<p>Alle Gaben, die dem Menschen aus seinen tiefen Einsichten in die umgebende Natur erwachsen, die Fortschritte seiner Technologie, seiner chemischen und medizinischen Wissenschaften, alles, was dazu angetan scheint, menschliche Leiden zu mindern, wirkt sich in entsetzlicher und paradoxer Weise zum Verderben der Menschheit aus.<\/p>\n<p>Sie droht genau das zu tun, was sonst lebenden Systemen fast nie geschieht, n\u00e4mlich in sich selbst zu ersticken. Das Entsetzlichste aber ist, da\u00df bei diesem apokalyptischen Vorgange die h\u00f6chsten und edelsten Eigenschaften und F\u00e4higkeiten des Menschen, gerade jene, die wir mit Recht als spezifisch menschlich empfinden und werten, allem Anscheine nach die ersten sind, die untergehen.<\/p>\n<p>Wir alle, die wir in dichtbesiedelten Kulturl\u00e4ndern oder gar in Gro\u00dfst\u00e4dten leben, wissen gar nicht mehr, wie sehr es uns an allgemeiner, herzlicher und warmer Menschenliebe gebricht.<\/p>\n<p>Geht diese absichtliche Abschirmung gegen menschliche Kontakte weiter, so f\u00fchrt sie im Verein mit den sp\u00e4ter zu besprechenden Erscheinungen der Gef\u00fchlsverflachung zu jenen entsetzlichen Erscheinungen der Teilnahmslosigkeit, von denen die Zeitungen uns allt\u00e4glich berichten.<\/p>\n<p>Das Zusammengepferchtsein vieler Menschen auf engstem Raum f\u00fchrt nicht nur mittelbar durch Ersch\u00f6pfung und Versandung zwischenmenschlicher Beziehungen zu Erscheinungen der Entmenschlichung, es l\u00f6st auch ganz unmittelbar aggressives Verhalten aus. Man wei\u00df aus sehr vielen Tierversuchen, da\u00df innerartliche Aggression durch Zusammenpferchung gesteigert werden kann.<\/p>\n<p>Die allgemeine Unfreundlichkeit, die man in allen Gro\u00dfst\u00e4dten beobachten kann, ist deutlich proportional zu der Dichte der an bestimmten Orten angeh\u00e4uften Menschenmengen.<\/p>\n<p><strong>Verw\u00fcstung des Lebensraums<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6kologie des Menschen ver\u00e4ndert sich um ein Vielfaches schneller als die aller anderen Lebewesen. Das Tempo wird ihr vom Fortschritt seiner Technologie vorgeschrieben, der sich st\u00e4ndig und in geometrischer Proportion verschnellert. Daher kann der Mensch nicht umhin, tiefgreifende Ver\u00e4nderungen und allzuoft den totalen Zusammenbruch der Bioz\u00f6nosen zu verursachen, in und von denen er lebt.<\/p>\n<p>Untaten geschehen heute allenthalben in der Anwendung chemischer Mittel, z. B. bei der Insektenvernichtung in der Landwirtschaft und im Obstbau, aber fast ebenso kurzsichtig in der Pharmakop\u00f6e. Die Immunbiologen erheben ernste Bedenken gegen allgemein \u00fcbliche Medikamente.<\/p>\n<p>Indem die zivilisierte Menschheit die lebende Natur, die sie umgibt und erh\u00e4lt, in blinder und vandalischer Weise verw\u00fcstet, bedroht sie sich mit \u00f6kologischem Ruin.<\/p>\n<p>Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur tr\u00e4gt einen gro\u00dfen Teil der Schuld an der \u00e4sthetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen.<\/p>\n<p>Nicht nur die kommerzielle Erw\u00e4gung, da\u00df massenhaft herstellbare Bauteile billiger kommen, sondern auch die alles nivellierende Mode f\u00fchren dazu, da\u00df an allen Stadtr\u00e4ndern aller zivilisierten L\u00e4nder Massenbehausungen zu Hunderttausenden entstehen, die nur an ihren Nummern voneinander unterscheidbar sind und den Namen \u00bbH\u00e4user\u00ab nicht verdienen, da sie bestenfalls Batterien von St\u00e4llen f\u00fcr Nutzmenschen sind, um dieses Wort einmal in Analogie zu der Bezeichnung \u00bbNutztiere\u00ab zu pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>\u00c4sthetisches und ethisches Empfinden sind offenbar sehr eng miteinander verkn\u00fcpft, und Menschen, die unter den eben besprochenen Bedingungen leben m\u00fcssen, erleiden ganz offensichtlich eine Atrophie beider.<\/p>\n<p>Die totale Seelenblindheit f\u00fcr alles Sch\u00f6ne, die heute allenthalben so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden mu\u00df, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht.<\/p>\n<p><strong>Der Wettlauf mit sich selbst<\/strong><\/p>\n<p>Homo homini lupus \u2013 \u00bbder Mensch ist f\u00fcr den Menschen das Raubtier\u00ab-der Mensch als einziger die weitere Entwicklung seiner eigenen Art bestimmender Selektionsfaktor wirkt leider keineswegs so harmlos wie ein Raubtier, und sei es das gef\u00e4hrlichste.<br \/>\nWas f\u00fcr die Menschheit als Ganzes, ja selbst, was f\u00fcr den Einzelmenschen gut und n\u00fctzlich ist, wurde unter dem Druck zwischenmenschlichen Wettbewerbs bereits v\u00f6llig vergessen.<\/p>\n<p>Als Wert wird von der erdr\u00fcckenden Mehrzahl der heute lebenden Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu \u00fcberfl\u00fcgeln. Jedes Mittel, das diesem Zwecke dienlich ist, erscheint tr\u00fcgerischerweise als ein Wert in sich.<\/p>\n<p>Man mu\u00df sich fragen, was der heutigen Menschheit gr\u00f6\u00dferen Schaden an ihrer Seele zuf\u00fcgt: die verblendende Geldgier oder die zerm\u00fcrbende Hast.<br \/>\nAnalyse dieser Motivationen vor, ich halte es aber f\u00fcr sehr wahrscheinlich, da\u00df neben der Gier nach Besitz oder nach h\u00f6herer Rangordnungs-Stellung, oder nach beidem, auch die Angst<br \/>\neine sehr wesentliche Rolle spielt, Angst im Wettlauf \u00fcberholt zu werden.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4rmetod des Gef\u00fchls<\/strong><\/p>\n<p>Diese beiden physiologischen Eigenschaften der Lust-Unlust-Organisation sind im Konnex dieser Abhandlung deshalb wichtig, weil sie \u2013 im Verein mit gewissen anderen dem System eigenen Eigenschaften \u2013 unter den Lebensbedingungen moderner Zivilisationsmenschen zu gef\u00e4hrlichen St\u00f6rungen der Lust-Unlust-\u00d6konomie f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der modernen Technologie und vor allem der Pharmakologie leistet nun dem allgemein-menschlichen Streben nach Unlustvermeidung in nie vorher dagewesenem Ma\u00dfe Vorschub. Wir sind uns kaum mehr bewu\u00dft, wie sehr wir von dem modernen \u00bbKomfort\u00ab abh\u00e4ngig geworden sind, so selbstverst\u00e4ndlich ist er uns geworden.<\/p>\n<p>Durch die fortschreitende Beherrschung seiner Umwelt hat der moderne Mensch ganz zwangsl\u00e4ufig die \u00bbMarktlage\u00ab seiner Lust-Unlust-\u00d6konomie in der Richtung einer st\u00e4ndig zunehmenden Sensitivierung gegen\u00fcber allen Unlust ausl\u00f6senden Reizsituationen und einer ebensolchen Abstumpfung gegen alle Lust ausl\u00f6senden verschoben.<\/p>\n<p>Die wachsende Intoleranz gegen Unlust \u2013 im Verein mit der verringerten Anziehungskraft der Lust \u2013 f\u00fchrt dazu, da\u00df die Menschen die F\u00e4higkeit verlieren, saure Arbeit in solche Unternehmen zu investieren, die erst in der sp\u00e4teren Folge einen Lustgewinn versprechen. Daraus resultiert ein ungeduldiges Verlangen nach sofortiger Befriedigung aller aufkeimenden W\u00fcnsche.<br \/>\nAus leicht einzusehenden Gr\u00fcnden zeitigt das zwanghafte Bed\u00fcrfnis nach sofortiger Befriedigung auf dem Gebiete des sexuellen Verhaltens besonders b\u00f6se Folgen.<\/p>\n<p>Das resultierende Verhalten, n\u00e4mlich die in so vielen heutigen Filmen verherrlichte und zur Norm erhobene Sofort-Begattung als \u00bbtierisch\u00ab zu bezeichnen, w\u00e4re irref\u00fchrend, da ihresgleichen bei h\u00f6heren Tieren nur ganz ausnahmsweise vorkommt, \u00bbviehisch\u00ab w\u00e4re etwas besser, wenn man unter \u00bbVieh\u00ab Haustiere versteht, denen der Mensch im Interesse leichterer Z\u00fcchtbarkeit alle h\u00f6her differenzierten Verhaltensweisen der Paarbildung \u00bbweggez\u00fcchtet\u00ab hat.<\/p>\n<p>Die heutzutage in st\u00e4ndigem Wachsen begriffene Unlust-Intoleranz verwandelt die naturgewollten H\u00f6hen und Tiefen des menschlichen Lebens in eine k\u00fcnstlich planierte Ebene, aus den gro\u00dfartigen Wellenbergen und -t\u00e4lern macht sie eine kaum merkbare Vibration, aus Licht und Schatten ein einf\u00f6rmiges Grau. Kurz, sie erzeugt t\u00f6dliche Langeweile.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu den vernichtenden Wirkungen, welche die weitgehende Unlustvermeidung auf wahres Menschentum aus\u00fcbt, wirken diejenigen eines ebenso schrankenlosen Strebens nach Lustgewinn geradezu harmlos. Man ist versucht zu sagen, der moderne Zivilisationsmensch sei zu blutlos und blasiert, um ein markantes Laster zu entwickeln.<br \/>\nDa sich das fortschreitende Schwinden der F\u00e4higkeit zu Lusterlebnissen gro\u00dfenteils aus der Gew\u00f6hnung an starke und immer st\u00e4rkere Reizsituationen ergibt, ist es nicht verwunderlich, da\u00df blasierte Menschen nach immer neuen Reizsituationen fahnden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man mu\u00df sich fragen, was der heutigen Menschheit gr\u00f6\u00dferen Schaden an ihrer Seele zuf\u00fcgt: die verblendende Geldgier oder die zerm\u00fcrbende Hast.<br \/>\nAnalyse  dieser  Motivationen  vor,  ich  halte  es  aber  f\u00fcr  sehr wahrscheinlich, da\u00df neben der Gier nach Besitz oder nach h\u00f6herer  Rangordnungs-Stellung,  oder  nach  beidem,  auch  die Angst<br \/>\neine  sehr  wesentliche  Rolle  spielt,  Angst  im  Wettlauf \u00fcberholt  zu  werden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12939,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[659],"tags":[249],"class_list":["post-12938","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch","tag-life-philosophy"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12938"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12938\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}