{"id":13212,"date":"2021-08-02T08:00:04","date_gmt":"2021-08-02T06:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/?p=13212"},"modified":"2026-04-01T17:37:01","modified_gmt":"2026-04-01T15:37:01","slug":"der-narzissmus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/der-narzissmus\/","title":{"rendered":"Der Narzissmus"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13211\" src=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/NARZISSEN.png\" alt=\"\" width=\"1320\" height=\"623\" srcset=\"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/NARZISSEN.png 1320w, https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/NARZISSEN-768x362.png 768w, https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/NARZISSEN-520x245.png 520w, https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/NARZISSEN-720x340.png 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 1320px) 100vw, 1320px\" \/><\/p>\n<p>In der Umgangssprache bezeichnet man eine stark auf sich selbst bezogene Person, die anderen Menschen weniger Beachtung als sich selbst schenkt, als Narzissten.<\/p>\n<p><strong>Interview mit dem ber\u00fchmtesten Psychiater der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Otto F. Kernberg wurde 1928 als Sohn eines Ministerialbeamten in Wien geboren. Die Familie floh nach dem &#8220;Anschluss&#8221; aus \u00d6sterreich \u00fcber Italien nach Chile, wo Kernberg Medizin, Psychiatrie und Psychoanalyse studierte. 1961 emigrierte Kernberg in die USA. Er ist Professor f\u00fcr Psychiatrie an der Cornell University und Direktor des Personality Disorders Institute am New Yorker Presbyterian Hospital.<\/p>\n<p>Otto F. Kernberg ist geb\u00fcrtiger Wiener und der bekannteste praktizierende Psychiater der Welt. Profil besuchte ihn in New York und hatte viele Fragen dabei.<\/p>\n<p>profil: Gibt es so etwas wie einen gesunden Narzissmus?<\/p>\n<p>Otto Kernberg: Durchaus. Zu einem normalen Narzissmus geh\u00f6ren Ehrgeiz, Selbstsicherheit und die Unabh\u00e4ngigkeit von der Meinung anderer. Ein gesunder Narzisst verf\u00fcgt \u00fcber eine innere Kontinuit\u00e4t, hat Freude an sich selbst und am Leben, durchaus auch funktionierende Beziehungen zu seinen &#8220;significant others\u201c.<\/p>\n<p>profil: Wann wird Narzissmus pathologisch?<\/p>\n<p>Kernberg: Ein Patient, der an einer narzisstischen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung leidet, hat ein verzerrtes Selbstkonzept und Selbstgef\u00fchl. Er hat idealisierte Vorstellungen von sich selbst. Ihm fehlt der Bezug zur Realit\u00e4t, er h\u00e4lt sich f\u00fcr rundum gro\u00dfartig, bombastisch und braucht die st\u00e4ndige Bewunderung anderer. Der Kern und das Zentrum seines Seins ist die eigene Gro\u00dfartigkeit. Diese Grandiosit\u00e4t muss ein schwer gespaltenes, vielleicht traumatisiertes Selbst ausgleichen.<\/p>\n<p>profil: Sind solche pathologischen Narzissten \u00fcberhaupt liebesf\u00e4hig? Sie sprechen in Ihren Vortr\u00e4gen von der &#8220;emotional shallowness&#8221; solcher Patienten &#8211; ihrer Flachheit der Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Kernberg: Menschen mit einer solchen St\u00f6rung enden oft in Einsamkeit und Isolation. Partner haben f\u00fcr sie vorrangig die Funktion, sie zu bewundern und ihr Selbstgef\u00fchl zu st\u00e4rken. Lieben k\u00f6nnen sie sie in der Regel nicht. Diese Patienten verlieben sich sehr schnell und idealisieren den Partner ebenso rasch, aber sie ern\u00fcchtern nach ein paar Monaten oder sogar Wochen schnell wieder. Dann kommt es zur Abwertung und Abwendung. In schweren F\u00e4llen gehen solche Menschen von einer Beziehung in die n\u00e4chste. Sie sind einfach unf\u00e4hig, sich festzulegen.<\/p>\n<p>profil: In Liebesbeziehungen verschr\u00e4nken sich ja auch die jeweiligen Neurosen miteinander. Wer ist denn der ideale Partner f\u00fcr einen narzisstisch gest\u00f6rten Menschen?<\/p>\n<p>Kernberg: Eigentlich ein Masochist. Oft kommt es auch zu Konstellationen von sehr sch\u00f6nen Partnern, die als Paar nur f\u00fcr ihre Wirkung in der Au\u00dfenwelt leben und innerlich eigentlich sehr wenig miteinander zu tun haben. Sie n\u00e4hren sich aus dem Neid, den sie bei anderen erzeugen.<\/p>\n<p>profil: In Ihren Vortr\u00e4gen bewerten Sie Neid als wichtigen Symptomtr\u00e4ger bei narzisstisch gest\u00f6rten Menschen und kritisieren auch, dass das lange Zeit nicht erkannt worden ist.<\/p>\n<p>Kernberg: Neid ist ein wichtiger Faktor in der pathologischen Struktur des Narzissmus. Das kam in der Literatur lange nicht vor. Manchmal w\u00e4hlen solche Patienten auch entsetzlich unscheinbare Partner, damit sie einerseits noch mehr strahlen k\u00f6nnen, und sich aber auch davor sch\u00fctzen, den anderen wegen seines guten Aussehens beneiden zu m\u00fcssen. Der Neid kann da krasse Formen annehmen. Die unbewussten Neidgef\u00fchle sind da noch viel st\u00e4rker als die bewussten.<\/p>\n<p>profil: Neigen Frauen mehr zum Beziehungsmasochismus?<\/p>\n<p>Kernberg: Ja, bei Frauen dominiert der Masochismus in Liebesdingen; M\u00e4nner tendieren zu chronischem Leiden in der Arbeitswelt. Sie lassen sich erstaunlich lange von ihren vielleicht auch narzisstisch veranlagten Chefs qu\u00e4len. Frauen w\u00fcrden sich in vergleichbaren Situationen im Berufsleben viel schneller abwenden.<\/p>\n<p>profil: Beim Erscheinen des internationalen Handbuchs f\u00fcr psychiatrische Diagnosekriterien, kommt es regelm\u00e4\u00dfig zu heftigen Debatten. An der j\u00fcngsten Ausgabe wurde heftig kritisiert, dass jede geringe Abweichung von der Norm bereits pathologisiert wird: Jemand, der den Verlust eines geliebten Menschen \u00fcber drei Monate betrauert, leidet dort bereits an depressiven Verstimmungen.<\/p>\n<p>Kernberg: Ja, Trauer wird in dieser Gesellschaft nicht respektiert, Depressionen werden h\u00e4ufig \u00fcberdiagnostiziert. Hinter solchen Behauptungen stehen nat\u00fcrlich finanzielle und politische Interessen. Es liegt ganz klar in der Absicht der psychopharmakologischen Industrie, dass die Menschen bei jeder kleinsten psychischen Irritation Pillen verschrieben kriegen. Und die Versicherungsanstalten begr\u00fc\u00dfen das auch, weil das nat\u00fcrlich wesentlich kosteng\u00fcnstiger als Psychotherapie ist. Abgesehen davon hinkt die Klassifikation des ICD oft Jahre hinter dem aktuellen Forschungsstand hinterher.<\/p>\n<p>profil: Ist die Psychotherapie bei Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen eine wirksame Methode?<\/p>\n<p>Kernberg: Psychotherapie ist bei der Behandlung von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen die erste Wahl. Medikamente haben da nur unterst\u00fctzende Wirkung. Allerdings helfen da keine Techniken, die nur an der Oberfl\u00e4che ansetzen. Pers\u00f6nlichkeitsgest\u00f6rte Patienten k\u00f6nnen nicht einfach nur eine Verhaltens\u00e4nderung erlernen, sie brauchen eine Therapie der gesamten Person.<\/p>\n<p>profil: Psychiater behaupten immer wieder, dass pathologische Narzissten therapieresistent sind.<\/p>\n<p>Kernberg: Das stimmt nicht. Mit zunehmendem Alter greifen Therapien besser, denn da w\u00e4chst auch der Leidensdruck. Im Alter von 20,30, vielleicht auch noch 40 Jahren funktioniert diese Art von Leben mit dem Glauben an ein grandioses Selbst und dem schnellen Wechsel von Beziehungen und vor\u00fcbergehenden Idealisierungen irgendwie noch. Doch dann &#8211; mit dem langsamen Schwinden der Sch\u00f6nheit, der Macht und der beginnenden Konfrontation mit Krankheiten &#8211; kann es auch zu einer entsetzlichen Einsamkeit kommen. F\u00fcr solche Menschen sind Alterungsprozesse besonders schwer zu verkraften. In schweren F\u00e4llen kann es auch zum totalen Zusammenbruch kommen, der mit dem Verlust der Arbeitsf\u00e4higkeit, schweren Depressionen und einer sozialen Isolation einhergeht.<\/p>\n<p>profil: Hier in Ihrem Arbeitszimmer h\u00e4ngt ein riesiger Stich des mittelalterlichen Wiens. Was haben Sie f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zu dieser Stadt?<\/p>\n<p>Kernberg: Ich liebe Wien. Auch mein Vater liebte Wien. Er war Monarchist, deswegen hei\u00dfe ich auch mit Vornamen Otto.<\/p>\n<p>profil: Sie waren zehn Jahre alt, als Sie mit Ihrer Familie \u00fcber Italien nach Chile fl\u00fcchteten. Was war f\u00fcr Sie das pr\u00e4gendste Erlebnis nach dem &#8220;Anschluss&#8221;?<\/p>\n<p>Kernberg: Ich bin mit meiner Mutter einmal auf der Mariahilfer Stra\u00dfe spaziert. Da wurde sie von einem SA-Mann aufgehalten und gezwungen, das Trottoir zu reinigen. Um sie bildete sich gleich eine Meute. Es war eine sehr unangenehme Situation. F\u00fcr mich war als Kind Chile dann das Paradies, trotz der schwierigen Anfangsjahre f\u00fcr meine Eltern &#8211; ich konnte mich wieder angstfrei auf den Stra\u00dfen bewegen.<\/p>\n<p>profil: Wann haben Sie das erste Mal nach dem Krieg Wien wieder besucht?<\/p>\n<p>Kernberg: Das war im Winter 1954. Ich bin in unserem ehemaligen Wohnhaus auch der Frau begegnet, von der wir glaubten, dass sie damals alle j\u00fcdischen Bewohner angezeigt hatte. Als sie mich sah, wei\u00df ich nicht, wer mehr Angst hatte: Sie vor mir oder ich vor ihr. Es war in jedem Fall eine sehr unangenehme Situation.<\/p>\n<p>Quelle: profil.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Patient, der an einer narzisstischen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung leidet, hat ein verzerrtes Selbstkonzept und Selbstgef\u00fchl. F\u00fcr solche Menschen sind Alterungsprozesse besonders schwer zu verkraften. 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