{"id":4936,"date":"2021-05-10T21:30:02","date_gmt":"2021-05-10T19:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.toktali.com\/blog\/?p=4936"},"modified":"2021-05-10T21:30:02","modified_gmt":"2021-05-10T19:30:02","slug":"attraction-force-of-leninism","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/attraction-force-of-leninism\/","title":{"rendered":"Attraction force of Leninism"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/moskau_robert_sommer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-8060 size-medium\" src=\"http:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/moskau_robert_sommer-580x402.jpg\" alt=\"moskau_robert_sommer\" width=\"580\" height=\"402\" \/><\/a><\/p>\n<h4>KOMMUNISTISCHE GRAVITATION<\/h4>\n<p><em>Robert Sommer f\u00fcr Die Wiener Nachrichten<\/em><\/p>\n<p>Excerpt from the book \u201eIdentity Lexicon\u201c by Robert Sommer &#8211; chief editor of Vienna street newspaper \u201cAugustin\u201d- presents story of his personality transformation &#8211; from participation in communist activities, including cooperation with Soviet communists and visits to Moscow &#8211; till his later liberal and denying any authorities views<\/p>\n<p>Ich bin 22. F\u00fcr meine Identit\u00e4t liegt eine Fremd- und eine Selbstbezeichnung vor. Die Fremdbezeichnung hei\u00dft Gammler. Die Selbstbezeichnung Hippie. Ich bin gegen das Establishment und ich bin unkorrumpierbar antiautorit\u00e4r. <!--more-->Das ist ohne Zweifel ein heroisches Selbstbild. 1973 werde ich Mitglied einer Partei, die im Inneren die Idee des Antiautorit\u00e4ren nicht realisiert, nicht einmal realisieren will, weil ihr Organisationsmodell, der so genannte demokratische Zentralismus, von einem Oben und Unten ausgeht. Was treibt einen Hippie in die KP? Was lockt einen LSD-Konsumenten in eine proletarische Partei? Dass ich meine Poren beim Ein- und Ausatmen, beim Einsaugen der Luft nur sehen kann, wenn ich im LSD-Rausch bin, vermag ich nur Freunden und Freundinnen au\u00dferhalb meiner neuen politischen Heimat zu sagen. Insofern war die KP keine Sekte im engeren Sinn. Wer sie allerdings als Sekte wollte, dem konnte sie sektengleich einen Kokon bieten. Diese Art Kommunisten lief mir aber selten \u00fcber den Weg. Ich erlebte die Kommunisten als lebensbejahende Menschen, die den Brauch des Lepschi-Gehens mehr als ich pflegten. Die meisten Genossinnen und Genossen meiner Generation hielten es l\u00e4nger im Wirtshaus aus als ich, vertrugen mehr Bier als ich und kannten mehr Lieder als ich, und weil ihr Repertoire nicht nur aus den Liedern der Arbeiterbewegung bestand, sondern auch Pop und Volkslied umfasste, kamen sie dem Volk, das noch nicht mit dem Bewusstsein seiner Lage erf\u00fcllt war und das die Begriffe Arbeitnehmer und Arbeitgeber ganz ohne die mit beiden Zeige- und Mittelfingern gestikulierten Anf\u00fchrungszeichen verwendete, n\u00e4her als ich. Ich werde noch viel sp\u00e4ter Menschen, die die beiden Begriffe nie ohne diese Geste verwenden, von den anderen unterscheiden, die ich f\u00fcr angepasst halte. Wie jemand mit den W\u00f6rtern Arbeitgeber und Arbeitnehmer umgeht, wird f\u00fcr mich ein Kriterium sein, bis wir uns die Sprache zur\u00fcckerobern, und das werde ich nicht mehr erleben. Aber ich bin 22, und in diesem Alter bin ich mir sicher, dass unsereins im Leben noch mehr erobern wird als blo\u00df die Sprache.<\/p>\n<p>17 Jahre lang werde ich in der Partei bleiben, die H\u00e4lfte davon als das, was ich in der zweiten H\u00e4lfte Parteisoldat nennen werde. Es ist kein besonders soldatisches Parteisoldatentum, denn ich lebe weiter mit meinen Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Es gibt keine Ambivalenz im Einwirken der Literatur in mein Leben. Doch die Partei macht mich, so deute man die Strophe, weltnah und weltfremd zugleich. Sie hebt mich aus der Welt, hinein in eine Scheinwelt. In Sachen Weltfremdheit f\u00fchren die Wachturm-Verk\u00e4ufer \u00fcberlegen, nach ihnen kommt lang nichts, dann die Partei, ich meine die kommunistische. Ich bin heute 22. Ich werde erstaunt sein, wie sektenkompatibel ich auch zehn Jahre sp\u00e4ter noch bin, und zwar freiwillig. Ich werde mir den roten Volksstimme-Verk\u00e4ufermantel holen und, so wird mir nochmals zehn Jahre sp\u00e4ter bewusst werden, in den Augen meiner Kundinnen und Kunden weltfremder wirken als das Jehova-Material, das auch dann nicht Fleisch und Blut wird, wenn der lautlos fromme Job getan und die Missionare in ihr \u201ePrivatleben\u201c genanntes Unleben gleiten.<\/p>\n<p>Er wei\u00df, dass die Idee des Zentralorgans einer fr\u00fcheren Zeit angeh\u00f6rt, keineswegs unserer. Heimlich l\u00e4chelt er wohl \u00fcber die Disziplinierung junger KP\u00d6-Mitglieder; er hat keine Vorstellung davon, wie eine Selbstdisziplinierung zu \u00e4hnlichen Ergebnissen f\u00fchrt. Und heimlich l\u00e4chelt er \u00fcber die rote Volksstimme-Uniform, die er den Kolporteuren aush\u00e4ndigt, wider sein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Eine seltsame Mischung von Unterordnung und Skepsis, von Einverst\u00e4ndnis und Querulanz pr\u00e4gt meine Beziehung zur Partei. Ich bin 33. Ich, der Antib\u00fcrokrat, bin blind f\u00fcr die totalit\u00e4ren Tendenzen der B\u00fcrokratie in den L\u00e4ndern, in denen \u201edas Volk die Macht schon h\u00e4lt\u201c, wie es in einem Degenhardt-Song hei\u00dft. Alle Freundinnen und Freunde kennen Westberlin. Ich kenne nur \u201eBerlin, Hauptstadt der DDR\u201c. M\u00f6glicherweise werde ich in meinem weiteren Leben keinen Fu\u00df in den Westteil der Stadt setzen. Auch in den Ostteil nicht mehr. Weil ich dann lieber im Waldviertel, am Grundlsee oder auf einer dalmatinischen Insel Urlaub mache. Mit 33 aber bin ich DDR-Fan.<\/p>\n<p>Bis ich 33 geworden bin, hatte ich genug Zeit, die Wunschv\u00e4ter, die mich vom realen Vater wegrissen und in die gro\u00dfe Stadt lockten, von allen Seiten zu betrachten. Die Wunschv\u00e4ter sind Patriarchen und sie lachen \u00fcber Schwule und sie wollen am Sonntag nicht gest\u00f6rt werden und sie lieben deutsche Sch\u00e4ferhunde, die Hunde ihrer Peiniger in den Konzentrationslagern.<\/p>\n<p>1983 reise ich mit einer Delegation der Wiener Stadtleitung ins sowjetische Moskau, f\u00fcr mich immer noch eine Traumdestination wie sp\u00e4ter das chaotische Neapel. Gastgeberin ist die Moskauer Stadtparteileitung. Trotz meiner Teilnahme ist die Wiener Delegatija in Summe hochrangig. Ich f\u00fchle mich nicht wohl unter Gastgebern und G\u00e4sten. Ich hasse es, wenn ich bei den alln\u00e4chtlichen Trinkspruchritualen an die Reihe komme, um nach der Toastplattit\u00fcde einmal mehr das Wodkaglas zu leeren. Eine Folter: nach zwanzig Platit\u00fcden eine zu erfinden, die noch nicht abgespult ist. Ich komme immer an die Reihe. Aus Parteidisziplin darf man sich nicht verweigern. Absurder Wettkampf. Ganz deutlich bin ich der Outsider der Wiener Delegation. Als lebendiger, zweifelnder Mensch unter Apparatschiks. Auch Mimi Kreutzer ist aus meiner Perspektive eine Frau des Apparates: Mitglied des Zentralkomitees. Apparatschiks sind nach meiner Definition bedeutsame Parteiangestellte, die, um ihre Existenzberechtigung zu beweisen, die Selbstorganisation der Mitglieder, die nicht in der Partei angestellt sind, nicht wirklich aufkommen lassen d\u00fcrfen. So sehr wir in Moskau das einheitliche rotwei\u00dfrote Team spielen, so sehr werde ich daheim in Wien meine Mitreisenden bek\u00e4mpfen, nehme ich mir bei einer dieser bolschewistischen Saufzeremonien inhaltlich vor. Am letzten Tag des Moskaubesuchs wird der \u00f6sterreichischen Delegation stolz die aktuelle Coverseite des \u201eMoskauer Abend\u201c, so hei\u00dft die Tageszeitung der Stadtpartei, \u00fcberreicht. Die hochrangige Wiener Delegation auf dem Roten Platz. Das Foto nimmt fast die ganze Titelseite ein. Ich glaube, nicht richtig zu sehen, Die Genossin Kreutzer ist mit zierlichen Beinen abgebildet. Zwei Drittel des Umfangs ihrer Unterschenkel \u2013 die Beine der Genossin Kreutzer sind voller Wasser \u2013 hat die Fotoredaktion im Auftrag des sozialistischen Realismus wegretuschiert. Ich wage einen heimlichen Blick zu Genossin Mimi Kreutzer. Sie tut so, als habe sie die Manipulation nicht bemerkt. In diesem Augenblick liebe ich das Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei \u00d6sterreichs, Genossin Mimi Kreutzer. Ich werde dar\u00fcber kein Aufheben machen. Aber mich st\u00f6rt\u00b4s. Ich bin um die 50. Es st\u00f6rt mich, kein Aufhebens gemacht zu haben. Diese Zur\u00fcckhaltung muss aufgehoben werden, begreife ich mit 50. Zu sp\u00e4t, es wird keine Stadtleitung der KP\u00d6 Wien jemals mehr von der Stadtleitung der KPDSU Moskau mit entsprechender Menge an Wodka-Vorrat eingeladen werden. Es sei denn, von Kurt Palm als Kunstperformance realisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KOMMUNISTISCHE GRAVITATION Robert Sommer f\u00fcr Die Wiener Nachrichten Excerpt from the book \u201eIdentity Lexicon\u201c by Robert Sommer &#8211; chief editor of Vienna street newspaper \u201cAugustin\u201d- presents story of his personality transformation &#8211; from participation in communist activities, including cooperation with Soviet communists and visits to Moscow &#8211; till his later liberal and denying any authorities [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8060,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[659,26,456],"tags":[1246],"class_list":["post-4936","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch","category-politics","category-soviet-empire","tag-kpoe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4936"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4936\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.toktali.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}