Wärmetod des Gefühls

 

Konrad Lorenz (1903-1989 ) war ein österreichischer Zoologe, und Medizin-Nobelpreisträger. Er untersucht Vorgänge der Dehumanisierung, die nicht nur unsere heutige Zivilisation und Kultur, sondern die Menschheit als Ganzes mit dem Untergang bedrohen.

“Wärmetod des Gefühls” aus dem Werk “Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit”

Übervölkerung

Alle Gaben, die dem Menschen aus seinen tiefen Einsichten in die umgebende Natur erwachsen, die Fortschritte seiner Technologie, seiner chemischen und medizinischen Wissenschaften, alles, was dazu angetan scheint, menschliche Leiden zu mindern, wirkt sich in entsetzlicher und paradoxer Weise zum Verderben der Menschheit aus.

Sie droht genau das zu tun, was sonst lebenden Systemen fast nie geschieht, nämlich in sich selbst zu ersticken. Das Entsetzlichste aber ist, daß bei diesem apokalyptischen Vorgange die höchsten und edelsten Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, gerade jene, die wir mit Recht als spezifisch menschlich empfinden und werten, allem Anscheine nach die ersten sind, die untergehen.

Wir alle, die wir in dichtbesiedelten Kulturländern oder gar in Großstädten leben, wissen gar nicht mehr, wie sehr es uns an allgemeiner, herzlicher und warmer Menschenliebe gebricht.

Geht diese absichtliche Abschirmung gegen menschliche Kontakte weiter, so führt sie im Verein mit den später zu besprechenden Erscheinungen der Gefühlsverflachung zu jenen entsetzlichen Erscheinungen der Teilnahmslosigkeit, von denen die Zeitungen uns alltäglich berichten.

Das Zusammengepferchtsein vieler Menschen auf engstem Raum führt nicht nur mittelbar durch Erschöpfung und Versandung zwischenmenschlicher Beziehungen zu Erscheinungen der Entmenschlichung, es löst auch ganz unmittelbar aggressives Verhalten aus. Man weiß aus sehr vielen Tierversuchen, daß innerartliche Aggression durch Zusammenpferchung gesteigert werden kann.

Die allgemeine Unfreundlichkeit, die man in allen Großstädten beobachten kann, ist deutlich proportional zu der Dichte der an bestimmten Orten angehäuften Menschenmengen.

Verwüstung des Lebensraums

Die Ökologie des Menschen verändert sich um ein Vielfaches schneller als die aller anderen Lebewesen. Das Tempo wird ihr vom Fortschritt seiner Technologie vorgeschrieben, der sich ständig und in geometrischer Proportion verschnellert. Daher kann der Mensch nicht umhin, tiefgreifende Veränderungen und allzuoft den totalen Zusammenbruch der Biozönosen zu verursachen, in und von denen er lebt.

Untaten geschehen heute allenthalben in der Anwendung chemischer Mittel, z. B. bei der Insektenvernichtung in der Landwirtschaft und im Obstbau, aber fast ebenso kurzsichtig in der Pharmakopöe. Die Immunbiologen erheben ernste Bedenken gegen allgemein übliche Medikamente.

Indem die zivilisierte Menschheit die lebende Natur, die sie umgibt und erhält, in blinder und vandalischer Weise verwüstet, bedroht sie sich mit ökologischem Ruin.

Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen.

Nicht nur die kommerzielle Erwägung, daß massenhaft herstellbare Bauteile billiger kommen, sondern auch die alles nivellierende Mode führen dazu, daß an allen Stadträndern aller zivilisierten Länder Massenbehausungen zu Hunderttausenden entstehen, die nur an ihren Nummern voneinander unterscheidbar sind und den Namen »Häuser« nicht verdienen, da sie bestenfalls Batterien von Ställen für Nutzmenschen sind, um dieses Wort einmal in Analogie zu der Bezeichnung »Nutztiere« zu prägen.

Ästhetisches und ethisches Empfinden sind offenbar sehr eng miteinander verknüpft, und Menschen, die unter den eben besprochenen Bedingungen leben müssen, erleiden ganz offensichtlich eine Atrophie beider.

Die totale Seelenblindheit für alles Schöne, die heute allenthalben so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden muß, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht.

Der Wettlauf mit sich selbst

Homo homini lupus – »der Mensch ist für den Menschen das Raubtier«-der Mensch als einziger die weitere Entwicklung seiner eigenen Art bestimmender Selektionsfaktor wirkt leider keineswegs so harmlos wie ein Raubtier, und sei es das gefährlichste.
Was für die Menschheit als Ganzes, ja selbst, was für den Einzelmenschen gut und nützlich ist, wurde unter dem Druck zwischenmenschlichen Wettbewerbs bereits völlig vergessen.

Als Wert wird von der erdrückenden Mehrzahl der heute lebenden Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln. Jedes Mittel, das diesem Zwecke dienlich ist, erscheint trügerischerweise als ein Wert in sich.

Man muß sich fragen, was der heutigen Menschheit größeren Schaden an ihrer Seele zufügt: die verblendende Geldgier oder die zermürbende Hast.
Analyse dieser Motivationen vor, ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, daß neben der Gier nach Besitz oder nach höherer Rangordnungs-Stellung, oder nach beidem, auch die Angst
eine sehr wesentliche Rolle spielt, Angst im Wettlauf überholt zu werden.

Wärmetod des Gefühls

Diese beiden physiologischen Eigenschaften der Lust-Unlust-Organisation sind im Konnex dieser Abhandlung deshalb wichtig, weil sie – im Verein mit gewissen anderen dem System eigenen Eigenschaften – unter den Lebensbedingungen moderner Zivilisationsmenschen zu gefährlichen Störungen der Lust-Unlust-Ökonomie führen können.

Die Entwicklung der modernen Technologie und vor allem der Pharmakologie leistet nun dem allgemein-menschlichen Streben nach Unlustvermeidung in nie vorher dagewesenem Maße Vorschub. Wir sind uns kaum mehr bewußt, wie sehr wir von dem modernen »Komfort« abhängig geworden sind, so selbstverständlich ist er uns geworden.

Durch die fortschreitende Beherrschung seiner Umwelt hat der moderne Mensch ganz zwangsläufig die »Marktlage« seiner Lust-Unlust-Ökonomie in der Richtung einer ständig zunehmenden Sensitivierung gegenüber allen Unlust auslösenden Reizsituationen und einer ebensolchen Abstumpfung gegen alle Lust auslösenden verschoben.

Die wachsende Intoleranz gegen Unlust – im Verein mit der verringerten Anziehungskraft der Lust – führt dazu, daß die Menschen die Fähigkeit verlieren, saure Arbeit in solche Unternehmen zu investieren, die erst in der späteren Folge einen Lustgewinn versprechen. Daraus resultiert ein ungeduldiges Verlangen nach sofortiger Befriedigung aller aufkeimenden Wünsche.
Aus leicht einzusehenden Gründen zeitigt das zwanghafte Bedürfnis nach sofortiger Befriedigung auf dem Gebiete des sexuellen Verhaltens besonders böse Folgen.

Das resultierende Verhalten, nämlich die in so vielen heutigen Filmen verherrlichte und zur Norm erhobene Sofort-Begattung als »tierisch« zu bezeichnen, wäre irreführend, da ihresgleichen bei höheren Tieren nur ganz ausnahmsweise vorkommt, »viehisch« wäre etwas besser, wenn man unter »Vieh« Haustiere versteht, denen der Mensch im Interesse leichterer Züchtbarkeit alle höher differenzierten Verhaltensweisen der Paarbildung »weggezüchtet« hat.

Die heutzutage in ständigem Wachsen begriffene Unlust-Intoleranz verwandelt die naturgewollten Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens in eine künstlich planierte Ebene, aus den großartigen Wellenbergen und -tälern macht sie eine kaum merkbare Vibration, aus Licht und Schatten ein einförmiges Grau. Kurz, sie erzeugt tödliche Langeweile.

Im Vergleich zu den vernichtenden Wirkungen, welche die weitgehende Unlustvermeidung auf wahres Menschentum ausübt, wirken diejenigen eines ebenso schrankenlosen Strebens nach Lustgewinn geradezu harmlos. Man ist versucht zu sagen, der moderne Zivilisationsmensch sei zu blutlos und blasiert, um ein markantes Laster zu entwickeln.
Da sich das fortschreitende Schwinden der Fähigkeit zu Lusterlebnissen großenteils aus der Gewöhnung an starke und immer stärkere Reizsituationen ergibt, ist es nicht verwunderlich, daß blasierte Menschen nach immer neuen Reizsituationen fahnden.

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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