Der Narzissmus

In der Umgangssprache bezeichnet man eine stark auf sich selbst bezogene Person, die anderen Menschen weniger Beachtung als sich selbst schenkt, als Narzissten.

Interview mit dem berühmtesten Psychiater der Welt

Otto F. Kernberg wurde 1928 als Sohn eines Ministerialbeamten in Wien geboren. Die Familie floh nach dem “Anschluss” aus Österreich über Italien nach Chile, wo Kernberg Medizin, Psychiatrie und Psychoanalyse studierte. 1961 emigrierte Kernberg in die USA. Er ist Professor für Psychiatrie an der Cornell University und Direktor des Personality Disorders Institute am New Yorker Presbyterian Hospital.

Otto F. Kernberg ist gebürtiger Wiener und der bekannteste praktizierende Psychiater der Welt. Profil besuchte ihn in New York und hatte viele Fragen dabei.

profil: Gibt es so etwas wie einen gesunden Narzissmus?

Otto Kernberg: Durchaus. Zu einem normalen Narzissmus gehören Ehrgeiz, Selbstsicherheit und die Unabhängigkeit von der Meinung anderer. Ein gesunder Narzisst verfügt über eine innere Kontinuität, hat Freude an sich selbst und am Leben, durchaus auch funktionierende Beziehungen zu seinen “significant others“.

profil: Wann wird Narzissmus pathologisch?

Kernberg: Ein Patient, der an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, hat ein verzerrtes Selbstkonzept und Selbstgefühl. Er hat idealisierte Vorstellungen von sich selbst. Ihm fehlt der Bezug zur Realität, er hält sich für rundum großartig, bombastisch und braucht die ständige Bewunderung anderer. Der Kern und das Zentrum seines Seins ist die eigene Großartigkeit. Diese Grandiosität muss ein schwer gespaltenes, vielleicht traumatisiertes Selbst ausgleichen.

profil: Sind solche pathologischen Narzissten überhaupt liebesfähig? Sie sprechen in Ihren Vorträgen von der “emotional shallowness” solcher Patienten – ihrer Flachheit der Gefühle.

Kernberg: Menschen mit einer solchen Störung enden oft in Einsamkeit und Isolation. Partner haben für sie vorrangig die Funktion, sie zu bewundern und ihr Selbstgefühl zu stärken. Lieben können sie sie in der Regel nicht. Diese Patienten verlieben sich sehr schnell und idealisieren den Partner ebenso rasch, aber sie ernüchtern nach ein paar Monaten oder sogar Wochen schnell wieder. Dann kommt es zur Abwertung und Abwendung. In schweren Fällen gehen solche Menschen von einer Beziehung in die nächste. Sie sind einfach unfähig, sich festzulegen.

profil: In Liebesbeziehungen verschränken sich ja auch die jeweiligen Neurosen miteinander. Wer ist denn der ideale Partner für einen narzisstisch gestörten Menschen?

Kernberg: Eigentlich ein Masochist. Oft kommt es auch zu Konstellationen von sehr schönen Partnern, die als Paar nur für ihre Wirkung in der Außenwelt leben und innerlich eigentlich sehr wenig miteinander zu tun haben. Sie nähren sich aus dem Neid, den sie bei anderen erzeugen.

profil: In Ihren Vorträgen bewerten Sie Neid als wichtigen Symptomträger bei narzisstisch gestörten Menschen und kritisieren auch, dass das lange Zeit nicht erkannt worden ist.

Kernberg: Neid ist ein wichtiger Faktor in der pathologischen Struktur des Narzissmus. Das kam in der Literatur lange nicht vor. Manchmal wählen solche Patienten auch entsetzlich unscheinbare Partner, damit sie einerseits noch mehr strahlen können, und sich aber auch davor schützen, den anderen wegen seines guten Aussehens beneiden zu müssen. Der Neid kann da krasse Formen annehmen. Die unbewussten Neidgefühle sind da noch viel stärker als die bewussten.

profil: Neigen Frauen mehr zum Beziehungsmasochismus?

Kernberg: Ja, bei Frauen dominiert der Masochismus in Liebesdingen; Männer tendieren zu chronischem Leiden in der Arbeitswelt. Sie lassen sich erstaunlich lange von ihren vielleicht auch narzisstisch veranlagten Chefs quälen. Frauen würden sich in vergleichbaren Situationen im Berufsleben viel schneller abwenden.

profil: Beim Erscheinen des internationalen Handbuchs für psychiatrische Diagnosekriterien, kommt es regelmäßig zu heftigen Debatten. An der jüngsten Ausgabe wurde heftig kritisiert, dass jede geringe Abweichung von der Norm bereits pathologisiert wird: Jemand, der den Verlust eines geliebten Menschen über drei Monate betrauert, leidet dort bereits an depressiven Verstimmungen.

Kernberg: Ja, Trauer wird in dieser Gesellschaft nicht respektiert, Depressionen werden häufig überdiagnostiziert. Hinter solchen Behauptungen stehen natürlich finanzielle und politische Interessen. Es liegt ganz klar in der Absicht der psychopharmakologischen Industrie, dass die Menschen bei jeder kleinsten psychischen Irritation Pillen verschrieben kriegen. Und die Versicherungsanstalten begrüßen das auch, weil das natürlich wesentlich kostengünstiger als Psychotherapie ist. Abgesehen davon hinkt die Klassifikation des ICD oft Jahre hinter dem aktuellen Forschungsstand hinterher.

profil: Ist die Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen eine wirksame Methode?

Kernberg: Psychotherapie ist bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen die erste Wahl. Medikamente haben da nur unterstützende Wirkung. Allerdings helfen da keine Techniken, die nur an der Oberfläche ansetzen. Persönlichkeitsgestörte Patienten können nicht einfach nur eine Verhaltensänderung erlernen, sie brauchen eine Therapie der gesamten Person.

profil: Psychiater behaupten immer wieder, dass pathologische Narzissten therapieresistent sind.

Kernberg: Das stimmt nicht. Mit zunehmendem Alter greifen Therapien besser, denn da wächst auch der Leidensdruck. Im Alter von 20,30, vielleicht auch noch 40 Jahren funktioniert diese Art von Leben mit dem Glauben an ein grandioses Selbst und dem schnellen Wechsel von Beziehungen und vorübergehenden Idealisierungen irgendwie noch. Doch dann – mit dem langsamen Schwinden der Schönheit, der Macht und der beginnenden Konfrontation mit Krankheiten – kann es auch zu einer entsetzlichen Einsamkeit kommen. Für solche Menschen sind Alterungsprozesse besonders schwer zu verkraften. In schweren Fällen kann es auch zum totalen Zusammenbruch kommen, der mit dem Verlust der Arbeitsfähigkeit, schweren Depressionen und einer sozialen Isolation einhergeht.

profil: Hier in Ihrem Arbeitszimmer hängt ein riesiger Stich des mittelalterlichen Wiens. Was haben Sie für ein Verhältnis zu dieser Stadt?

Kernberg: Ich liebe Wien. Auch mein Vater liebte Wien. Er war Monarchist, deswegen heiße ich auch mit Vornamen Otto.

profil: Sie waren zehn Jahre alt, als Sie mit Ihrer Familie über Italien nach Chile flüchteten. Was war für Sie das prägendste Erlebnis nach dem “Anschluss”?

Kernberg: Ich bin mit meiner Mutter einmal auf der Mariahilfer Straße spaziert. Da wurde sie von einem SA-Mann aufgehalten und gezwungen, das Trottoir zu reinigen. Um sie bildete sich gleich eine Meute. Es war eine sehr unangenehme Situation. Für mich war als Kind Chile dann das Paradies, trotz der schwierigen Anfangsjahre für meine Eltern – ich konnte mich wieder angstfrei auf den Straßen bewegen.

profil: Wann haben Sie das erste Mal nach dem Krieg Wien wieder besucht?

Kernberg: Das war im Winter 1954. Ich bin in unserem ehemaligen Wohnhaus auch der Frau begegnet, von der wir glaubten, dass sie damals alle jüdischen Bewohner angezeigt hatte. Als sie mich sah, weiß ich nicht, wer mehr Angst hatte: Sie vor mir oder ich vor ihr. Es war in jedem Fall eine sehr unangenehme Situation.

Quelle: profil.at

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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