Psychopillen und Gehirn

Foto aus Nervenklinik von Stepan Rudik

Hirnschädigung durch Neuroleptika

Die moderne Psychiatrie basiert auf der Verordnung von Medikamenten. Im Fall von akuten Wahnvorstellungen können Medikamente vielleicht zeitweise hilfreich sein. Jedoch erhalten auch viele depressive Patienten die Mittel um die anregende Wirkung, die manche Antidepressiva entfalten, zu mildern. Eine neue Arbeit zeigt, dass der dauerhafte Gebrauch von Neuroleptika die Gehirnsubstanz angreift und schrumpfen lässt. Die Schrumpfung findet in Bereichen des Gehirns statt, die mit „Entscheidungen“ und „Kognition“ in Verbindung gebracht werden.

Gehirnschäden

Längere Dauer der Krankheit und antipsychotische Behandlung waren beide mit Verlust an Hirngewebe verbunden. Höhere Dosen von Antipsychotika waren mit Hirngewebeverlust, reduzierter grauen Substanz und zunehmenden Rückgängen der weißen Hirnsubstanz verbunden, also größerer Hirnschädigung verbunden.

Unter jungen Erwachsenen ist Schizophrenie eine führende Ursache für chronische Einschränkungen laut den Hintergrundinformationen der Studie. Vom Verlust an Gehirnvolumen bei diesen Patienten wurde zuvor angenommen, dass er durch die Krankheit verursacht werde.

Die Befunde machen auch Sorgen hinsichtlich der Verschreibung von Antipsychotika bei Patienten mit anderen psychischen Krankheiten als Schizophrenie, wie bipolare Störung oder Depression.

Abhängig von Dauer und Menge

Forscher der Universität Brescia (Italien) haben entdeckt, dass der langfristige Gebrauch von Antipsychotika bei Menschen mit Schizophrenie negative Auswirkungen auf die Struktur des Gehirns hat.

Die Resultate zeigen, dass ein verringertes Volumen oder ein im Verlaufe der Zeit größerer Verlust der grauen Substanz mit der Dauer der antipsychotischen Behandlung oder kumulativen Einnahme der Neuroleptika verbunden ist.

Schrumpfung von Gehirnvolumen

Damit bestätigt die Forscherin Nancy Andreasen aus Iowa vorherige Versuche, die an Affen durchgeführt wurden. Als den Affen über ein Zeitraum von 2 Jahren Haloperidol und Olanzapin verabreicht wurde, zeigte sich bei diesen Affen – im Vergleich zu unbehandelten Affen – eine Reduktion der Gehirnmasse in Bereichen, die für Entscheidungen wichtig sind, um 8 bis 11 Prozent. Eine weitere Studie hatte zuvor gezeigt, dass bei Menschen bereits nach einem Jahr das Gehirnvolumen nach Neuroleptika-Einnahme eine Schrumpfung aufweist.

Die Arbeitsgruppe von Andreasen hat die bislang ausführlichsten Ergebnisse vorgelegt. Für die Studie untersuchten die Forscher die Gehirne von 211 Schizophrenie-Patienten über einen Zeitraum von 7 bis 14 Jahren mit der MRT-Technologie. Die Patienten hatten durchschnittlich täglich neuroleptische Medikamente erhalten, die einer Dosis von 4mg Haloperidol entsprachten. Bei den Patienten wurden sowohl alte Neuroleptika als auch neuere, sogenannte atypische Neuroleptika eingesetzt. Die Art der Neuroleptika hatte jedoch keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Folgen auf kognitive Prozesse

Der Gehirnschwund trat im frontalen, temporalen und parietalen Bereich der Großhirnrinde auf umfasste die gesamte sogenannte „graue Substanz“ ein Abbau der „weißen Substanz“ erfolgte meist zeitlich etwas später. Je höher die Medikamentendosierung war, desto stärker zeigte sich der Abbau. Dies hatte Folgen auf mehrere kognitive Prozesse. Es zeigten sich Verschlechterungen beim verbalen Lernen, bei Tests für die Aufmerksamkeit, bei der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, sowie beim Problemlösungsverhalten.

Einen zusätzlichen Einfluss auf die Abbauvorgänge hatte die zeitliche Länge der Rückfälle (jedoch nicht die Anzahl) in schizophrene Psychosen. Aus diesem Grund erscheint auch ein Einfluss der Erkrankung auf den Abbau von Zellen im Gehirn möglich zu sein.

Nebenwirkungen

Substanzen wie Haloperidol, Flupentixol, Perazin und andere Neuroleptika der ersten Generation ziehen mitunter schwere und in der überwiegenden Mehrzahl nicht mehr beeinflussbare Spätdyskinesien nach sich. Diese äußern sich in unwillkürlichen Zuckungen, Tics und auffälligen Bewegungsanomalien an der Zunge, im Gesicht sowie im Bereich von Hals- und Rumpfmuskeln. Sie können ein solches Ausmaß annehmen, dass die Betroffenen allein deswegen schon stigmatisiert werden. Es wird geschätzt, dass weltweit bis zu 86 Millionen Menschen an diesen Folgen psychiatrischer Medikation leiden. Entgegen früher geäußerter Hoffnungen ließ sich bislang nicht überzeugend nachweisen, dass die neueren Substanzen der zweiten Generation wie Clozapin, Risperidon, Olanzapin oder Quetiapin in Bezug auf ihr Nebenwirkungspotential eine bessere Bilanz aufweisen, letztlich auch nicht, was die Hirnvolumenminderung angeht.

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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