Die Stadt in denkelgrau

Lässt es sich in der Bundeshauptstadt noch gut leben? Oder wollen jetzt alle wegziehen?
Manchmal, wenn man durch die Wiener Straßen geht, ist man sich nicht sicher. Man schaut nach rechts, nach links. Es wirkt alles ruhig – aber täuscht der Eindruck? Wien ist in Verruf geraten. Es soll Menschen geben, die die Stadt verlassen wollen, weil sie sich “in der eigenen Gasse fremd fühlen”, wie es Sebastian Kurz im Wahlkampf formuliert hat. Viele Frauen geben an, sich zu fürchten, wenn sie nachts unterwegs sind. Mit der U6 fahre man am besten gar nicht mehr, heißt es. Wie schlecht lebt es sich im Jahr 2017 in Wien? Und war früher alles besser?

Es ist enger in der Straßenbahn

Alles vielleicht nicht, aber einiges, findet Sonja Kaiser. Die Projektmanagerin und Mutter eines vierjährigen Sohnes möchte unbedingt raus aus der Stadt. Derzeit lebt sie mit ihrer Familie in Floridsdorf. Ein einst grüner, fast ländlicher Bezirk, in dem seit einigen Jahren “alles so hässlich zugebaut wird”, findet Kaiser: “Durch dieses Bauen ist es auch wahnsinnig laut geworden. Natürlich auch durch den starken Verkehr. Die Leute sind roher und rücksichtsloser geworden, finde ich.” Vorbei seien auch die Zeiten, in denen man um 500 bis 600 Euro pro Monat eine nette Familienwohnung mit Garten bekommen habe.
Wien hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tatsächlich verändert, bestätigt Stadtforscher Peter Payer: “Wien war durch die Abgelegenheit und Randlage lange Zeit konserviert.” Durch den Fall des Eisernen Vorhangs änderte sich das. Wien wanderte plötzlich in die Mitte Europas. Mit spürbaren, aber oft nicht benennbaren Folgen. “Real ist weniger Platz zur Verfügung als früher”, sagt Payer. “Es ist enger in der Straßenbahn, es sind mehr Leute in der U-Bahn, es sind mehr Leute auf der Straße.”
Immerhin leben derzeit 1,87 Millionen Menschen in Wien. Ab 2026 wird die Bundeshauptstadt – wie gegen Ende der Monarchie – wieder eine Zwei-Millionen-Metropole sein.

Vielen fühlen sich überfordert von diesem starken Wachstum. Und es bietet politischen Parteien die Möglichkeit, sich mit dem Bedienen von Ängsten zu profilieren. Im Nationalratswahlkampf hat das Thema Zuwanderung eine große Rolle gespielt. Nicht nur die FPÖ, auch die ÖVP versuchte, mit Kritik an den “Wiener Zuständen” zu punkten. Geschickt verknüpfte Parteichef Kurz dabei berechtigte Kritik mit diffusen Ängsten und Vorurteilen.

Romantische Idee vom roten Wien

Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl verstand es in den vergangenen Jahren jedenfalls geschickt, die Bedenken gegen einen blauen Bürgermeister politisch zu nutzen. 2015 brachte ihm das ein überraschend starkes Wahlergebnis. Die Querelen rund um seine Nachfolge zeigen aber, dass sich die romantische Idee vom roten Wien abgenützt hat. Stadtforscher Payer spricht von einer “Stadterzählung”, die in der Zwischenkriegszeit begründet und nach 1945 fortgeführt wurde, nun aber vor einem Wendepunkt steht: “Die alten Strukturen müssen aufgebrochen werden. Sie passen nicht mehr wegen der Dynamik, die wir heute spüren, der Zuwanderung und ihren sozialen Komponenten. Das reicht von den politischen Machtverhältnissen bis zu Verwaltungsstrukturen.”
Arbeitslose mit Migrationshintergrund

So hat Wien mit 12,2 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit aller Städte und Bundesländer, wie die Chefin des Wiener Arbeitsmarktservice, Petra Draxl, bestätigt. Gleichzeitig ist auch der Beschäftigungsstand ein besonders hoher, da neben Burgenländern, Niederösterreichern und Oststeirern auch Pendler aus dem nahen Ausland nach Wien zur Arbeit fahren. Unter den Wiener Arbeitslosen sind mit 50 Prozent besonders viele Geringqualifizierte zu finden. Die Hälfte der Jobsuchenden hat zudem Migrationshintergrund.

Wie schaut Wiener Budget aus

Diese demografische Entwicklung passe jedoch nicht mit der Wiener Wirtschaft zusammen, sagt Wifo-Regionalexperte Peter Huber. Diese habe sich nämlich zum Dienstleistungssektor (85 Prozent aller Erwerbstätigen sind dort tätig) entwickelt und biete vor allem Jobs für Hochqualifizierte. “Die sehr stabilen Industriearbeitsplätze, mit denen man auch als Angelernter Karriere machen kann, gibt es nur noch am Land”, so Huber.
“Wien ist generell anders als andere Bundesländer, was seine Struktur und Entwicklung betrifft”, sagt Huber, – Dies zeige sich auch bei der Höhe der Schulden. Es gibt wenig Informationen zu den Schulden, wir wissen gar nicht genau, wie das Wiener Budget im Detail aussieht.

Unsicherheit und Sexualdelikte

Tatsächlich, sagt Kriminalsoziologe Norbert Leonhardmair vom Vienna Center for Social Security, habe es Fälle von sexualisierter Gewalt durch Asylwerber gegeben, “das soll man nicht schönreden. Aber es herrscht eine verzerrte Wahrnehmung. Der überwiegende Teil der Sexualdelikte passiert innerhalb der Familie und in gewissen Institutionsformen.”

Eigentlich gehe es aber um etwas ganz anderes: “Viele Unsicherheiten werden mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht. Die Menschen machen sich Sorgen, ob sie ihren Job im kommenden Jahr noch haben und ob sie die Miete weiterhin zahlen können.” Dies seien aber “sehr komplizierte Probleme, mit denen man schwer umgehen kann”. Also werden sie “gebündelt und auf Diebesbanden, Asylwerber oder Kriminalität im Allgemeinen projiziert”. Die Politik spiele dieses Spiel mit. “Oft können sie nicht aus. Sie müssen so tun, als wären ein paar Hundert Polizisten mehr auf der Straße die Lösung des Problems.” Denn die eigentlichen Probleme -Jobverlust aufgrund von Globalisierung zum Beispiel – sind nicht so leicht zu lösen.

Der Arbeiterbezirk

Das zeigt auch ein Lokalaugenschein in Wien-Meidling, dem Heimatbezirk von ÖVP-Obmann Kurz. Es ist ein traditioneller Arbeiterbezirk mit 44,6 Prozent Ausländeranteil. Fühlt man sich hier “in der eigenen Gasse fremd”?
Eine Pensionistin findet, dass sich Wien “sehr geändert” hat: “Jeden Tag liest man in der Zeitung fünf, sechs Seiten über Mord, Raub und Vergewaltigungen. Ich würde sofort wegziehen, aber ich kann es mir nicht leisten.” Ein Herr will weg aus Meidling, weil es ihm zu laut und zu teuer geworden ist. Schon seit 20 Jahren wählt er die FPÖ. Die SPÖ habe die Arbeiter wie ihn verraten, meint er. Und wie gefällt es ihm heute in Wien? “Schee is nimma.”

Die Stadt mit der höchsten Lebensqualität?

Wenn Kritik an Wien laut wird, verweisen die Wiener Stadtpolitiker gerne auf die Mercer-Studie. Wien sei, wird darin Jahr für Jahr erhoben und publiziert, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Allerdings ist die Umfrage umstritten. Sie bewertet Kriterien, die aus der Sicht von Mitarbeitern, die von internationalen Unternehmen ins Ausland entsandt werden, relevant sind. Zum Beispiel Sicherheit, öffentlicher Verkehr, Gesundheitssystem und Wasserversorgung.

In der “Quality of Life in European Cities”-Studie der EU-Kommission, für die Einheimische befragt wurden, kommt Wien u. a. hinter Zürich, Oslo und Vilnius auf Platz acht. Dabei zeigt sich, dass die meisten Wiener mit dem öffentlichen Verkehr und dem Kulturangebot sehr zufrieden sind, aber auch, dass nur 45 Prozent der Wiener glauben, dass es leicht ist, hier einen Job zu finden. Auch was die tatsächliche Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum betrifft, landet Wien im Mittelfeld.
Letztlich, auch das zeigt sich in der Diskussion um die Studien gut, geht es darum, wo genau man in Wien wohnt. Als gut bezahlter Mitarbeiter eines internationalen Konzerns in der Innenstadt? Oder als normaler Mensch am weniger schicken Stadtrand?

Sie habe vor Kurzem beruflich im achten Bezirk zu tun gehabt, erzählt die Floridsdorferin Sonja Kaiser. “Da habe ich mir gedacht, es kann auch schön sein in Wien.” Doch die Vielzahl an Boutiquen, Bioläden und gepflegten Gründerzeithäusern dort habe mit dem Leben in den Außenbezirken, die die Hauptlast der Bevölkerungszunahme tragen, nicht viel zu tun.

Quelle: News.at

Galina Toktalieva

Kyrgyzstan-born author residing in Graz, Austria

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